"Vom Biedermann zum Brandstifter"
Als Tatort-Kommissar Pfurtscheller kennt ihn das Publikum. Nun hat er ein Theaterstück geschrieben: Alexander Mitterer über brave und böse Rollen und den Tatort Graz.

Foto © In Graz-Lend lebt Alexander Mitterer nicht nur, hier würde er auch einen Tatort ansiedeln
Herr Mitterer, wie oft werden Sie gefragt, ob Sie mit Felix Mitterer verwandt sind?
ALEXANDER MITTERER: Die Verwandtschaftsfrage ist ein fast alltägliches Thema. Ich bekenne hier noch einmal: Ich bin weder mit ihm verwandt noch mit ihm verschwägert, aber sehr gut befreundet. Ich habe im Lauf meiner Schauspielertätigkeit sehr viele Stücke vom Felix gespielt.
Hat Ihnen der Name Mitterer karrieretechnisch Türen geöffnet?
MITTERER: Nein, eigentlich nicht.
Als Franz Pfurtscheller wurden Sie neben Harald Krassnitzer im Tatort einem großen Publikum bekannt. Mittlerweile sind Sie vom Dorfpolizisten zum Kommissar aufgestiegen. Erleichtert?
MITTERER: Ja. In den ersten Jahren musste ich viel Zubringerarbeit machen, mittlerweile hat die Rolle Eigenständigkeit und Charakter.
Wären Sie gerne Tatort-Hauptkommissar?
MITTERER: Nein, ich darf mich glücklich schätzen, so eine Rolle zu haben. Der Tatort ist noch immer eine sozial relevante gesellschaftspolitische Sendung. Und Tatorte werden fast so diskutiert wie Fußballspiele. Ich bin stolz darauf, dem Harald Krassnitzer seine Rolle nicht neidig.
Graz hat keinen - wo würden Sie den Tatort in Graz ansiedeln?
MITTERER: Im Spannungsfeld zwischen Lend- und Griesplatz.
Warum dort?
MITTERER: Weil ich diese Meile sehr konträr in ihrer Lebendigkeit finde. Hier vermischt sich die neue Geschichte von Graz: Ländlichkeit, Migration, Bürgertum - das finde ich spannend.
Wo würde der Mord passieren?
MITTERER: Den Mord würde ich in der Mohrenapotheke ansiedeln, im Theriak-Labor, dort inmitten der ganzen alten Medizin würde man den oder die Tote finden.
Wie sind Sie eigentlich zum Tatort gekommen?
MITTERER: Das war als einmalige Geschichte vorgesehen, eine Episodenfigur. Ich war damals auf Vorschlag vom Felix da ...
Also doch?
MITTERER: Wir haben davor schon oft Stücke miteinander gemacht. Dann waren sie sehr zufrieden mit mir, sodass daraus eine eigene Figur wurde, seitdem habe ich in neun Tatorten gespielt.
Haben Sie gleich zugesagt? MITTERER: Ja, bei so einer Figur muss man.
Sind Sie privat einer, der schnell Entscheidungen trifft?
MITTERER: Ja, manche werfen mir vor, ich bin zu schnell. In der Figur Pfurtscheller schlägt sich das nicht nieder (lacht).
Sie sind in Südtirol geboren, spielen einen Tiroler Kommissar, spielen in ganz Österreich. Wo liegt Ihr Lebensmittelpunkt?
MITTERER: Mittlerweile verbringe ich die Hälfte meiner Lebenszeit in Graz, wo ich mit meiner ehemaligen Lebenspartnerin Klaudia Reichenbacher das Theater Kaendace gegründet habe. Den Rest der Zeit lebe ich in Wien oder spule Autobahnkilometer ab.
Mit dem Theater Kaendace feiern Sie nächsten Freitag Premiere mit "Birdlife". Sie spielen, führen Regie und haben erstmals auch den Text geschrieben. Hat der Autor Mitterer Angst vorm Rotstift des Regisseurs Mitterer?
MITTERER: Nein, ich hänge zwar an einigen Sätzen, die würde ich niemals streichen lassen. Aber der Text hat für mich in der Bearbeitung sehr viel Distanz bekommen, ich versuche ihn wie den Text eines anderen zu betrachten.
Wie streng ist Regisseur Mitterer zum Schauspieler Mitterer?
MITTERER: Da ist er meist gütig.
Zu den anderen Schauspielern auch?
MITTERER: Nein, zu denen ist er unerbittlich (lacht) ...
Großen Erfolg feierten Sie mit dem Franz-Fuchs-Stück "Der Patriot". Sie haben es mehr als 50 Mal in ganz Österreich gespielt. Zuletzt verkörperten Sie Stalin. Was fasziniert Sie am Wahnsinn?
MITTERER: Den Begriff Wahnsinn mag ich nicht. Es ist ein Durchstoßen von Gedankengrenzen. In den letzten zwei, drei Jahren habe ich mich vom Biedermann zum Brandstifter entwickelt. Die bösen Rollen sind interessanter als die braven. Wobei die Wurzel oft dieselbe ist, siehe Franz Fuchs.
Wie sind Sie mit der Figur Franz Fuchs in all ihrer Brutalität, aber auch Verletzlichkeit umgegangen?
MITTERER: Da hat man als Schauspieler einige Filter eingebaut. Nachdem es ein Ein-Mann-Stück ist, war es manchmal schwierig, jeden Tag in dieses Höllenlabyrinth von Wahnsinn zu steigen.
Wann interessiert Sie ein Stück?
MITTERER: Regie interessiert mich dann, wenn ich Geschichten in einer Sinnlichkeit und Sensibilität erzählen kann, die berührt. Das kann auch grausam sein.
Wann standen Sie zum ersten Mal auf der Bühne?
MITTERER: Mit fünf, im Kindergarten, als Tante Lora verzweifelt das Rumpelstilzchen gesucht hat.
Auch eine wahnsinnige Rolle.
MITTERER: Ja, auch (lacht).
Auf welches Genre hätten Sie gerade Lust?
MITTERER: Auf einen Kinofilm, auf gutes Erzählkino.
Angebote in Sicht?
MITTERER: Anfragen gibt's, über ungelegte Eier spricht man nicht.
Features
Auf Augenhöhe
Alexander Mitterer, geboren 1968 in Bruneck/Südtirol, studierte Schauspiel in Wien. 1997 kam er ans Next Liberty in Graz, 2005 gründete er das Theater Kaendace. Seit 2001 ist er im Tatort zu sehen. TV-Rollen: Kommissar Rex, Bergdoktor, Rosenheim Cops etc. Birdlife oder die Theorien der Luft. Theater Kaendace und "Die Schneider",








