Eine sagenhafte Kunstlokomotive
Markus Lüpertz, einer der ganz großen Gegenwartskünstler, bespielt ab Donnerstag die Stadtgalerie Klagenfurt.

Foto © Hirtenfelder
Im August 2005 besprühte der selbst ernannte "Pornojäger" Martin Humer die Mozartskulptur von Markus Lüpertz auf dem Salzburger Ursulinenplatz mit rot-grünem Lack und "teerte" sie anschließend mit Federn. Der Preis für seinen Vandalenakt: vier Monate bedingte Haft.
Zwitterwesen
Wer die große Lüpertz-Schau in der Klagenfurter Stadtgalerie besucht, wird feststellen müssen, dass sich Humers Aktion nicht wirklich ausgezahlt hat. In der Ausstellung "Sagenhaft", vom Künstler zu seinem 70. Geburtstag höchstpersönlich zusammengestellt, entpuppt sich Mozart nämlich als harmloses Püppchen, das zwar nicht den Schönheitsvorstellungen der Salzburger entsprechen mag, aber keinerlei Attribute besitzt, die man pornografisch nennen könnte. Im Gegenteil. Das Musikgenie präsentiert sich als Zwitterwesen mit angedeuteten Brüsten und fehlender Männlichkeit. Nur der Rokokozopf erinnert an den scheinbar Dargestellten.
Clitunno und Aphrodite
Die knallig kolorierte Bronzestatuette, geschaffen als Bildhauerentwurf, ist eine von mehreren Figuren, die Markus Lüpertz als Kunst im öffentlichen Raum konzipierte. Es sind durchwegs Gestalten aus der Mythologie und Bibel, die der ehemalige Rektor der Düsseldorfer Kunstakademie für prominente Orte entwarf: den Quellgott Clitunno für das italienische Spoleto, eine Aphrodite für das Medienzentrum in Augsburg oder die drei Grazien für den Kurfürstendamm in Berlin. Dazu kommen noch ein "Mercurius" oder eine "Daphne", die vom Künstler nicht nur in plastischer Form, sondern auch als Vor- und Nachzeichnungen, Radierungen bzw. Gouachen festgehalten wurden. Bei all diesen Arbeiten handelt es sich um archaisch-knödelige Gestalten im Stil des Art Brut, die mit ihrer kontrapostischen Haltung zugleich an antiken Vorbildern Maß nehmen.
Begnadeter Exzentriker
Sein diesbezügliches Faible zelebriert Lüpertz auch in seiner seit 1962 praktizierten "Dithyrambischen Malerei". Abgeleitet vom gleichnamigen Lied auf Dionysos sieht der Künstler darin einen Lobgesang auf das Leben, die Kunst und letztlich sich selbst. Der einstige Fremdenlegionär ist nämlich auch ein begnadeter Exzentriker, der seine Kreativität auf vielerlei Art zum Ausdruck bringt: in der Poesie, im Free-Jazz oder auf dem Fußballplatz mit seinem Klub "Lokomotive Lüpertz". Seit einem Autounfall muss sich der sportliche 70-Jährige allerdings mit seinen Stammleiberln bei der documenta und Biennale trösten.
Seine "Judith" in der Stadtgalerie erinnert aber auch an tiefere Schichten seines Schaffens, an den katholischen Konvertiten, der zuweilen Kirchenfenster gestaltet oder sich intensiv mit dem Parsifal-Thema beschäftigte: dokumentiert in einer Serie von ikonenhaften Monotypien.
Ohne Lack und Federn
Eigentlich zeigt die Wanderausstellung "Sagenhaft", die hierzulande nur in Klagenfurt Station macht, ausschließlich Lüpertz' Arbeiten im öffentlichen Raum. Galeriechefin Beatrix Obernosterer hat sie durch einige Gemälde ergänzt, die auch den "Malerfürsten" vor Augen führen. Es sind durchwegs expressive Abstraktionen, die Gegenstände erahnen lassen, aber diese letztlich doch verschleiern, mit humorvollen Titeln wie: ". . .und dann wurde das Butterbrot immer dünner . . ."
Zur Eröffnung hat sich Markus Lüpertz zwar angesagt, sein Erscheinen ist aber fraglich. Rot-grünen Lack und Federn kann man jedenfalls getrost zu Hause lassen.
Features
Ausstellung
"Sagenhaft - Malerentgegnungen in Zeichnungen, Grafiken und Skulpturen" von Markus Lüpertz (Bild); Stadtgalerie Klagenfurt, bis 11. Sept. 2011. Tägl. außer Mo. von 10 bis 18 Uhr. Eintritt: 2 bis 5 Euro, Studenten frei.
Eröffnung: Donnerstag, 19 Uhr.
Nähere Infos: www.stadtgalerie.net oder 0463/537-5545.








