Auf der Suche nach dem Kick
Keine Freude ohne Risiko? Jüngste Einsätze lassen diesen Schluss zu. Dabei geht es mehr um den Drang, die Natur zu beherrschen. Dabei ist "Im Notfall kommt eh der Hubschrauber" die falsche Einstellung.

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Als das Kuratorium für alpine Sicherheit im vorigen November feststellte, dass die Zahl der Kletterunfälle signifikant gestiegen ist, "weil viele wie ein Sack Mehl in der Wand hängen" (Zitat Bergretter), kommentierte das der stellvertretende Tiroler Landespolizeikommandant Norbert Zobl so: "Sie denken sich: 'Kommt eh der Hubschrauber.' Das ist die falsche Einstellung."
Eine Haltung, die, scheint es, nicht nur auf zwei Wiener Tourengeher zutrifft, die bei Eiseskälte in der Obersteiermark einen Sucheinsatz auslösten, der zwölf Verletzte forderte. Und auf eine eislaufende Pensionistin, die auf einer Eisscholle am Wörthersee um ihr Leben bangte und vom Polizeihubschrauber gerettet werden musste. Sondern allgemein auf eine Risikogesellschaft, die in der Natur den Nervenkitzel sucht, nach dem Motto: "Hab Spaß und lass dich retten."
Selbst zahlen
Uneingeschränkt mag das in Onlineforen und an Stammtischen Zustimmung finden, von Fachleuten kommen andere Erklärungen - und mildere Töne: "Wer will schon gerne verletzt werden?", fragt Gerald Lehner, Sprecher der Bergrettung - und zweifelt damit an, dass Menschen bewusst ihr Leben aufs Spiel setzen. "Jeder, der in der Natur unterwegs ist, hat schon haarsträubende Fehler gemacht", setzt er nach. Die Geretteten sollen für den Einsatz zahlen, dass sie aber kriminalisiert werden, sei nicht im Sinn der Bergretter.
Christian Wadsack, Präsident des Alpenvereines (AV), meint ebenfalls, dass sich "die Risikobereitschaft nicht verändert hat. Aber der Bergsport boomt seit Jahren und daher passiert auch mehr." Das bedeutet nicht, dass Menschen nicht von Grund auf bereit wären, ein hohes Risiko einzugehen, erklärt Wolfgang Kromp, Risikoforscher an der Universität für Bodenkultur. "Doch sie müssen dabei immer das Gefühl haben, die Situation zu kontrollieren."
Lawinenkurs
Häufig passieren Trugschlüsse. Wer im Handel eine Ausrüstung kauft und Wetterinformationen einholt, ist noch nicht auf alles vorbereitet. Wadsack: "Etwa ein Viertel der Tourengeher hat gar keinen Lawinenpieps oder sie tragen ihn nicht am Körper und wissen im Notfall nicht damit umzugehen." Alle Informationen nützen zudem nichts, wenn man sie nicht richtig einordnen kann. Der Lawinenlagebericht zum Beispiel bezieht sich auf eine Region, nie auf einen bestimmten Hang.
Die Alpinvereine bieten zahlreiche Kurse dazu an, für strittige Situationen hat der AV eine Risikoformel ausgearbeitet ("Stop or go"). Vor allem zählen aber die Erfahrung und der Mut, umzukehren, bevor sich die Schönheit der Natur ins Gegenteil verkehrt. Denn, sagt Wadsack offen: "Natürlich ist das Risiko ein Anreiz, in die Berge zu gehen. Und ein Restrisiko bleibt in der Natur immer." Die Frage ist, ob die Gratwanderung zwischen sicher genug und zu gefährlich gelingt. Die meisten Lawinenunglücke passieren nicht von ungefähr bei Warnstufe drei, also genau in der Mitte der Skala, wo die Lageeinschätzung am schwierigsten ist.
Dass wir Menschen uns mit der Natur messen, ist angeboren, gibt Risikoforscher Kromp zu bedenken. Das war bereits so, als wir uns als Jäger und Sammler durchs Leben schlugen. Heute neigen Stadtmenschen eher zur Risikofreude. Auch andere Faktoren spielen eine Rolle. Etwa der Klimawandel, durch den es zu Wetterextremen kommt und der alte Erfahrungen über den Haufen wirft.












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