Die letzte Kehre - Meditation über das Rennradfahren
Es gibt viele Arten, sich mit einem Fahrrad fortzubewegen: langsam oder schnell, im Gelände, im Wald,in der Stadt.

Foto © ReutersRadfahren um des Radfahres willen - das bedeutet für Rennradfahrer Freiheit
Es gibt auch viele Arten von Fahrrädern: Citybikes, Trekkingräder, alte Damen- und Waffenräder, Mountainbikes. Aber es gibt nur eine Art der Fortbewegung, die der platonischen Idee des Fahrrades so nahe kommt, dass die erfahrene Wirklichkeit zum exemplarischen Abbild eines unvergänglichen Urbildes wird: das Fahren mit dem Rennrad!
Wohlgemerkt, es geht im Folgenden nicht um Sport, um Wettkampf, nicht um die Amateure, die ihre Runden drehen, nicht um die Profis, die über die Mattscheibe kurbeln. Es geht allein darum, einmal die Möglichkeiten und Grenzen einer Fortbewegung mit eigener Kraft in einer Kombination aus Effizienz und Eleganz auszuloten, die es überhaupt erst erlaubt, die Monotonie des Alltags zu unterbrechen und durch die Monotonie der Bewegung zu transzendieren. Das Rennrad ist dafür Mittel und Zweck in einem.
Radfahren als Selbstzweck
Alle Kunst, alles Schöne, beginnt dort, wo jeder Zweck aufhört. Erst wenn das Fahrrad weder Transporthilfe noch Verkehrsmittel ist, erst wenn es ganz zu sich gekommen ist, tritt es in einer Reinheit in Erscheinung, die auch nicht durch den Schweiß desjenigen getrübt werden kann, der sich seinen zweckfreien Imperativen überlässt. Und diese lauten: Gleiten, Klettern – und: mit höchster Geschwindigkeit Hinabtauchen in die Tiefe des Seins. "Form" ist ein anderes Wort für den zweckfreien Zweck. Das Rennrad in seiner seit Jahrzehnten nahezu unveränderten klassischen Gestalt kommt dieser Idee von Form nahe wie kein anderes Vehikel. Rahmen, Lenker, Laufräder, Schaltung, Bremsen, Sattel: Mehr bedarf's nicht. Was immer dazukommt, ist ein Zuviel. Packtaschen ohnehin, aber auch das Montieren einer Beleuchtung, zum Durchfahren dunkler Straßentunnels manchmal notwendig, irritiert. Lieber hundert Meter im Diffusen als Glühlampen an einem Renner. Einziger Tribut an das Zeitalter der Mikroelektronik ist der Fahrradcomputer, ein unerbittliches Medium der Selbstreflexion.
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