Bittere Pillen für Patienten
Wie wird der Patient manipuliert? Ein neues Buch liefert gute Hinweise - und fordert Kritik heraus.

Foto © Fotolia - Daniel Fuhr
Claudia Wild gilt als Mahnerin in Österreichs Gesundheitswesen. Die Direktorin des Ludwig-Boltzmann-Institutes für Health Technology Assessment in Wien veröffentlicht immer wieder Zahlen, Daten und Fakten, um aufzuzeigen, wie Österreichs Gesundheitswesen im Hintergrund funktioniert. In ihrem neuesten Buch, das sie gemeinsam mit Brigitte Piso herausgegeben hat, analysierte Wild mit einer Gruppe von Autoren "Zahlenspiele" aus der Forschung und aus dem Gesundheitswesen, die unser Gesundheitssystem beeinflussen - und auch das suggeriert das Buch - sogar manipulieren können. Das Buch erklärt die Systematik der Forschung und wie man Zahlen interpretieren kann, um eine kritische Analyse vorzunehmen. Vom Verlag auf den Punkt gebracht: "Der Befund ist ernüchternd, denn: Nicht alles, was von der Medizinindustrie als Fortschritt präsentiert wird, ist auch einer. Manches ist auch nur eine Scheininnovation - aber gut fürs Geschäft."
Missbrauch
Wild und ihre Co-Autoren nehmen verschiedene Bereiche des Gesundheitswesens - von der Schweinegrippe bis zu neuen Krebsmedikamenten, von der Vorsorgeuntersuchung bis zu Bluthochdruckmedikamenten - unter die Lupe. Eine Schlussfolgerung, die das Buch zulässt: Forschung und die daraus resultierenden Zahlen werden in Österreich gezielt falsch interpretiert und missbraucht, um Therapien in den Markt zu drücken. Das sorgt in der Branche für Aufsehen - die Pharmaindustrie ist empört und wirft Wild falsche Zahlen vor: "Die Kosten der Krebsmedikamente, die Wild im Buch veröffentlicht, sind bis zu achtmal so hoch wie in der medizinischen Realität. Sie zeigt Hochrechnungen und keine Fakten. Wir haben alles geprüft: viele ihrer Aussagen stimmen einfach nicht", wirft Nicole Gorfer, Sprecherin von Roche, der Buchautorin vor. Das alles ist natürlich viel Wasser auf den Mühlen der Kritiker, die Wild das vorwerfen, was sie von ihr zu hören bekommen: Panikmache.
Auch den Vorwurf, dass man Nebenwirkungen verschleiere, versucht Gorfer zu widerlegen: "Wenn wir ein Krebsmedikament an 3000 bis 5000 Menschen testen, hat man natürlich nicht alle Nebenwirkungen erfasst. Dafür haben wir ja extra eine Meldepflicht ans Ministerium, wenn eine neue Nebenwirkung auftritt."
Unheilige Allianz
Was Wild und ihre Co-Autoren schaffen, ist eine Sensibilisierung für Zahlen. Dass zum Beispiel Pharma-Statistiken über neue Erfolge von Medikamenten manchmal nicht nach absoluten Zahlen, sondern mit Vergleichen in Teilbereichen ausgewertet werden, um bessere Ergebnisse zu erzielen, ist nicht zu akzeptieren. Das grenzt an vorsätzliche Täuschung.
Natürlich kommt die unheilige Allianz zwischen dem Hype um die Schweinegrippe und der rücksichtslosen Medienberichterstattung ins Visier der Autoren. Denn die Fakten konnten das nie bestätigen, was die Schlagzeilen ankündigten. Dass die Verbindung zwischen Pharmaindustrie und Ärzten, die in symbiotischer Eintracht miteinander leben, auch nicht immer so objektiv verläuft, wie es wünschenswert wäre, liegt auf der Hand. Es mutet seltsam an, wenn sich jene Ärzte am stärksten für die Schweinegrippeimpfung einsetzen, die über Privatfirma oder universitäre Einrichtungen Impftests für die Pharmaindustrie durchführen. Einziger Ausweg, um der schiefen Optik zu entgehen: Völlige Offenlegung aller Geldflüsse!






