Natural Running: Auf leichten Sohlen
Natural Running ist der Lauftrend des Jahres. Unser Run-Experte Kurt Steinbauer erklärt: Was dahintersteckt, für wen die neue Gangart passt – und warum man beim Einstieg in die "Naturschuhe" vorsichtig sein muss.

Foto © Fotolyrix - Fotolia.comOb barfuß oder im "Natural Running"-Schuh: Wer sich dem Trend anschließt, muss einiges beachten
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Barfußschuhmodell VIVO Evo MenFoto © Hersteller
Irren ist menschlich – auch wenn in diesem Fall Schafe Mitschuld hatten: Die Überzeugung, Laufen auf harten Zivilisationsböden würde Gelenksarthrosen verursachen, gründete nämlich auf einem Tierversuch. Eine Schafherde wurde täglich über Betonboden geschickt – und nach 12 bzw. 30 Monaten jeweils ein Teil zur Schlachtbank sowie weiter ins Labor. Und dabei stellte man eben "fortschreitende Gelenksabnützungen" fest. Dass diese Erkenntnis auf den Menschen nicht eins zu eins anwendbar ist, wusste man damals nicht.
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Barfußschuhmodell Asics Gel Hyper 33 WomenFoto © Hersteller
Jahre später wiederum glaubte man in der Pronationsbewegung den Übeltäter entlarvt zu haben, der die meisten Läuferverletzungen verursachen würde. Mit Einlagen und in die Schuhe integrierten Stabilisationselementen rückte man dem seitlichen Abweichen der Abrollbewegung zu Leibe. Ohne zu ahnen, dass der hohe Fersenabsatz, der durch dicke Dämpfungs- und Stabilisierungselemente zwangsläufig entsteht, einen "Hebelarm" bildet, der den Fuß erst recht belastet. Als das dann endlich erkannt wurde, begann die Industrie, die hochtechnisch, schwer und dick gewordenen Laufschuhe wieder abzurüsten.
Ein Trend mit zwei Seiten
Soweit die Vorgeschichte zur Natural Running-Bewegung, wie sie der Münchner Fuß- und Sprunggelenkschirurg Dr. Markus Walther erklärt. Der ärztliche Direktor und Chefarzt der Münchner Schön-Klinik beriet adidas bei der Entwicklung seiner "Natural Running-Schuhe" – also jener extrem leichten und volle Beweglichkeit ermöglichenden "Patschen" auf dünnen Sohlen, deren Konzept heuer so richtig durchstartet.
Aber dieser neue Trend hat zweifellos zwei Seiten, die man auch beide beachten muss: Er bedeutet eine große Chance – aber fordert auch Eigenverantwortung. Deshalb war es Dr. Walther bei der offiziellen Präsentation der neuen adidas-Schuhlinie auch ein großes Anliegen, eine zentrale Botschaft unters Läufervolk zu bringen: "Mit den neuen Schuhen bekommen die Läufer und Läuferinnen Sportgeräte in die Hand (eigentlich an den Fuß), die einerseits zwar Gutes bewirken können – mit denen sie zugleich aber auch sehr viel falsch machen, ja sogar gesundheitlichen Schaden anrichten können.“ Und mit ?falsch“ meinte der Mediziner vor allem, wenn dem Körper nicht genug Zeit gegeben wird, um sich auf die neuen Schuhe und die neue Art des Laufens einstellen zu können!
Natural Running benötigt Zeit
Die Hauptmessage, die bisher draußen beim Konsumenten ankommt, scheint aber derzeit noch eine andere zu sein. Die in etwa so lautet: "Natural Running- Schuhe stimulieren und trainieren die Fußmuskulatur. Also muss ich sie nur statt der althergebrachten Laufschuhe im Training tragen, und habe einen Zusatznutzen, ohne mehr Zeit zu investieren. Denn neben der Ausdauer trainiere und stärke ich so nebenbei gleich meine Fußmuskulatur mit." Leider ist das ein grobes Missverständnis. Statt "Zeitersparnis" müsste es nämlich eher heißen: "Zusatzaufwand".
"Natural-Running-Schuhe sind Trainingsgeräte und keine Laufschuhe im herkömmlichen Verständnis", betonen deshalb auch viele Hersteller. Was konkret bedeutet: Diese Schuhe sind zum Beispiel für Lauf-ABC-Übungen oder Technikeinheiten gedacht – also für kurze Trainingseinheiten, die erfahrungsgemäß nur leistungsorientierte Läufer regelmäßig in ihr Trainingsprogramm einbauen. Derart genützt sollen die Natural Running-Schuhe tatsächlich in der Lage sein, die Fußmuskulatur zu stärken.
Für herkömmliche Ausdauereinheiten dagegen sind die dünnsohligen Schuhe nicht gedacht, zumindest nicht gleich von Beginn an. Denn den meisten Läufern droht mit diesem ungewohnten Schuhwerk eine Überforderung des Bewegungsapparates. Die Routiniers sind gefährdet Und weil es gerade passt, klären wir hier gleich noch einen anderen Irrtum auf, der in Zusammenhang mit Natural Running jetzt oft kursiert: Da heißt es, dass vor allem die Laufanfänger sicherheitshalber die Finger davon lassen sollten – diese Art Schuhe sei nur für erfahrene Läufer gemacht. "Ganz im Gegenteil", korrigiert Dr. Markus Walther diese Fehlmeinung – "die beim Natural Running am stärksten gefährdete Gruppe sind die routinierten ausdauerstarken Läufer, die plötzlich von extrem gedämpften Schuhen auf die neuen Schuhe umsteigen. Starke Ausdauer und abgeschwächte Fußmuskulatur – das ist die Mischung, bei der höchste Vorsicht angebracht ist."
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Bewusstes Abrollen beim Gehen als erste VorbereitungFoto © Thomas Polzer
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Aktivierung der Fußgewölbe durch das Heben einer Euro-Münze - die tiefliegende Muskulatur wird schon durch den Versuch aktiviertFoto © Thomas Polzer
Aktivierung der Fußgewölbe durch das Heben einer Euro-Münze - die tiefliegende Muskulatur wird schon durch den Versuch aktiviertGrafik © Thomas Polzer
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Federnd springen vom Großzehengrundgelenkt aktiviert das Längs- und Quergewölbe des FußesFoto © Thomas Polzer
Federnd springen vom Großzehengrundgelenkt aktiviert das Längs- und Quergewölbe des FußesGrafik © Thomas Polzer
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