Mehr Tempo am Berg
Der Wandersport ist nicht nur jünger, sondern auch schneller geworden: Speed Hiking meint das flotte Marschieren auf allen Arten von Wander- und Naturwegen. Charakteristisch sind ein leichtes Gepäck sowie kräftiges Mitarbeiten mit den Stöcken.

Foto © SalomonFlott am Stock: Der aktive Stockeinsatz sorgt automatisch für höheres Tempo
Noch steht das jüngste Kind der österreichischen Outdoorszene auf etwas wackeligen Beinen. Manche halten es gar für ein Retortenbaby – während sein "Vater" davon überzeugt ist, dass es sich bald prächtig entwickelt: Die Rede ist vom "Speed Hiking" – und von Erwin Gollner, der mit Mitstreitern den ersten Speed Hiking-Verband im deutschsprachigen Raum, die SHO (Speed Hiking Organsiastion), vor wenigen Wochen aus der Taufe gehoben hat. Jener Mann, der auch das Nordic Walking vor mittlerweile elf Jahren nach Österreich gebracht hat – und auch damals nicht nur auf Zustimmung gestoßen ist.
Speed Hiking: Nach den Kletterern geben jetzt also auch die Wanderer Gas, fällt einem da unweigerlich ein – wenn auch der Vergleich mit dem Treiben der Huberbuam und Co. naturgemäß etwas hinkt. Wir reden hier ja noch immer vom eher sanften Volkssport Wandern. Und manch einer wird sich an Karl-Friedrich aus der legendären Piefke-Saga erinnern, der durch die Tiroler Bergwelt hetzte, um die "silberne Leistungsnadel mit Band" zu ergattern. Aber es passt schon ins Gesamtbild: Speed Alpinismus hat sich durchaus etabliert, der Outdoorboom hat die Jungen und die Städter erfasst – Jack Wolfskin, Mammut und Co. machen im Citydschungel mitunter mehr Eindruck als Hugo Boss. Also: Warum sollte man den zunehmend jungen Wanderern nicht auch zugestehen, einen schnelleren Schritt anzuschlagen?
Blicke für die Natur
Speed-Hiking-Pionier Erwin Gollner sieht's auch so. Er versteht aber sehr wohl auch die Bedenken derer, die das Wandern als stressfreien Rückzugsraum betrachten – und die Bergwelt zum Outdoor-Fitnesscenter degradiert sehen, wenn jetzt auch dabei schon Stopp- und Pulsuhr mitlaufen: "Speed Hiking bedeutet ja nicht, keine Blicke für die Natur übrig zu haben. Und die Trailrunner sind noch schneller unterwegs, ganz zu schweigen von den Mountainbikern. Aber es stimmt, dass sich der Blick auf die Umwelt mit zunehmendem Tempo verengt", übt sich der Gesundheits- und Sportwissenschafter sowie Psychologe in Diplomatie. Speed Hiking, so Gollner weiter, sei das Angebot an eine vornehmend junge sportliche Zielgruppe, die statt im Fitnesscenter lieber in der Bergwelt schwitzen will, denen normales Wandern zu wenig herausfordernd, aber Trailrunning wiederum (noch) zu intensiv ist.
Dass das schnelle Bergwärtsmarschieren gleichzeitig für Langläufer und Schitourengeher das perfekte sommerliche Ausgleichstraining sein kann, ist ohnehin schon verbürgt, seit viele Protagonisten der heimischen Wettkampf-Schitourenszene das intensive Bergaufgehen mit kräftigem Stockeinsatz schon lang, bevor der Begriff Speed Hiking geboren war, in ihrer Trainingsplanung hatten. Apropos: Gerade die Schitourenwettkämpfer mussten sich auch immer schon fragen lassen, wie sich denn Geschwindigkeit und Naturgenuss vereinbaren lassen. Das soll es aber nun gewesen sein mit dieser philosophischen Frage – die sowieso nur jeder für sich beantworten kann.
Kräftiger Stockeinsatz
Schauen wir uns stattdessen lieber die Sportart an: Speed Hiking meint das flotte Marschieren auf allen Arten von Wander- und Naturwegen. Charakteristisch sind ein leichtes Gepäck sowie kräftiges Mitarbeiten mit den Stöcken – mit der Einschränkung: "Stöcke allerdings nur da, wo es gefahrlos möglich ist. In sehr steilen und schmalen Wegabschnitten muss man vom Stockeinsatz abraten", sagt Erwin Gollner. Auch einzelne Laufpassagen sind beim Speed Hiking üblich.
Die Sportart kommt aus den USA und wurde im deutschsprachigen Raum zeitgleich mit Erwin Gollner auch von vier Herstellern von Bergsportausrüstung importiert, die bereits eine ganze Palette von eigenem Speed-Hiking-Equipment anbieten. Daher auch die eingangs erwähnte, manchmal zu hörende Klassifizierung als Retortensportart. Zur Verteidigung des Speed Hikings muss allerdings auch gesagt werden, dass sich das Wandern in den letzten Jahren von selbst in Richtung "jünger, sportlicher, schneller" entwickelt hat. So haben in den letzten Jahren manche Tourismusorte knackiges "Wandern ohne Gepäck" angeboten – weil eben Nachfrage danach bestand.
Regelwerk muss sein
Wie viele Speed Hiker es in Österreichschon gibt, weiß niemand genau – exakt weiß man dafür die Zahl der Speed-Hiking-Wettbewerbe, die 2011 hierzulande durchgeführt werden. Nämlich zwei – einer am Wörthersee (nach 2010 schon zum zweiten Mal), und einer im Montafon. Denn Speed Hiking soll nach dem Willen des Verbandes durchaus auch Wettbewerbssport sein. Erwin Gollner: "Speed Hiking steht auf zwei Schienen – einerseits der Freizeitsport Speed Hiking und andererseits der Wettbewebssport." In Kategorie zwei kommt man um ein strenges Regelwerk nicht herum. Im Vorjahr, beim ersten Versuch eines Speedwanderbewerbs in Österreich, dominierten am Wörthersee nämlich ganz normale Geländeläufer, weil es noch kein eindeutiges Regulativ gab.
Der Vorteil der Marschierer, in Summe längere Distanzen als ein Läufer zu schaffen, kommt bei Wanderbewerben über die Halbmarathondistanz (wie sie derzeit üblich sind) eben nicht zum Tragen. Daher wird in Kärnten und in Vorarlberg noch an einem Regelwerk getüftelt, das den Stockeinsatz und die Erlaubnis zu laufen auf gewisse Streckenpassagen beschränkt. Ob sich alle Teilnehmer an diese Vorgaben halten werden, wie die entsprechenden Wegabschnitte markiert werden, welche Sanktionen bei Vergehen verhängt werden und wie die Überwachung funktioniert - das alles muss sich erst in der Praxis zeigen. Aber das ist nun einmal so bei einer brandneuen Sportart, "außerdem sollten Speed Hiker überwiegend nicht den Sieg-, sondern den Finishergedanken im Kopf haben", wünscht sich Erwin Gollner.
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Der Experte
Erwin Gollner ist Sport- und Gesundheitswissenschafter sowie Psychologe. Er ist in der Gesundheitsföderung wissenschaftlich tätig und Gründer der Nordic Walking Organisation (NWO), sowie jetzt auch der Speed Hiking Organisation (SHO).
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