Ein zweites Leben für das Zweirad
Wenn Lifystlye, Ideologie und alte Drahtesel aufeinander treffen wird das Rad zumindest ein bisschen neu erfunden. Ein Besuch bei den Grazer Zweirad-Restaurateuren von "Rebikel".

Foto © Sebastian Krause
Ein bisschen traurig sehen sie aus. Wie alte, trockene Äste eines toten Baumes, voller Staub und Dreck, liegen die Fahrräder übereinander in der Garage der Rebikel-Werkstatt in der Grazer Keplerstraße. Oft ist außer dem Rahmen, auf dem gerne ein altes Puch-Logo prangert, nicht mehr viel übrig von den Drahteseln. Ausschussware einer Wegwerf-Gesellschaft, kaputt am Straßenrand stehen gelassen. Hans Pauer sucht genau diese Fahrradleichen in der ganzen Stadt. Der ehemalige Architekt hat viel zu tun in diesen Tagen, jährlich sammelt er rund 700 vermeintlich kaputte Räder ein. Und richtet sie wieder her.
Das Geschäft boomt. Im modernen urbanen Selbstverständnis ist ein Fahrrad nicht einfach ein Fahrrad. Es ist ein Stück Image, wie eine Jacke oder Sonnenbrille. Fahrräder sind wieder cool, vor allem die von Rebikel. Die Idee dahinter ist simpel: Seit einigen Jahren sammelt der ehemalige Architekt Pauer die Radleichen ein, repariert sie mit seinem Team und verkauft sie wieder. Die Räder stehen überall in der Stadt, auf der Straße, in Radkellern und auf Abstellplätzen. Findet das Team von Rebikel eines der Räder, werden – in Absprache mit der Grazer Verkehrsverwaltung – kleine Schleifen an den Bikes befestigt, die den Eigentümer über den bevorstehenden Abtransport informieren. Meldet sich niemand, landet das Rad nach drei Monaten in der Garage bei Pauer.
"In den seltensten Fällen meldet sich noch jemand", sagt Pauer in der kleinen Küche mitten in dem alten, ehemaligen Biedermeier-Wirtshaus in der Keplerstraße, in dem sich die Werkstatt befindet. Das Haus wirkt wie die Räder, die hier stehen. Ein wenig angeschlagen, aber mit Charme. "Ein gutes Drittel der Bikes die wir finden, ist schnell wieder in Stand gesetzt", erzählt Pauer. Wenige Stunden reichen, um aus den einstigen Leichen wieder voll einsatzfähige Räder zu machen, die im Schnitt für 100 bis 300 Euro wieder verkauft werden. Mit etwas Glück findet man skurrile Modelle, Raritäten und echte Schätze. Die anderen dienen Pauer zumindest als Ersatzteillager.
Große Ambitionen
Das Projekt Rebikel ist mehr als nur ein Liebhaber-Service für alte Fahrräder. Mittlerweile kann man sich bei dem kreativen Team rund um Pauer auch sein eigenes "Traum-Bike" zusammenbauen lassen, ebenso stehen nagelneue Räder zum Verkauf. Daneben wird repariert, gepflegt, Teile (aus-)getauscht und beraten. Unter dem Namen "Rebikel Mobile" macht man auch "Hausbesuche" und leistet Erste-Fahrrad-Hilfe an Ort und Stelle. Nebenbei bietet Pauer aber auch Lehrstellen an, besonders gerne für Menschen aus dem Ausland, die sonst nur schwer einen Job finden würden. Möglich macht das die Unterstützung von Stadt und Sponsoren, die dem als Verein gegründeten Unternehmen zur Seite stehen.
Gerade eine Design-Stadt wie Graz, mit einer jungen, kreativen Szene und vielen Studenten, scheint die Recycle-Bikes zu lieben – den Trends zum Individualismus und mehr Umweltbewusstsein sei Dank. Pauer hat aber noch größere Ziele: In Afrika und Osteuropa sucht er mit seinem Team nach möglichen Partnern, um fahrtüchtige Fahrräder zu exportieren. "In ärmeren Ländern fahren die Menschen noch Jahre mit Rädern, die bei uns keiner mehr will". Natürlich spielt auch hier die Ideologie eine Rolle. Pauer will Menschen dort die Möglichkeit geben, ältere Räder selbst herzurichten und davon zu leben. Bis dahin wird der Berg an alten Rädern weiter wachsen. Schrott, der wieder zum Leben erweckt wird.


















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