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Zuletzt aktualisiert: 20.05.2010 um 11:13 UhrKommentare

Die Ruhe vor dem Sturz

Wände, die die Welt bedeuten: Klettern erlebt in Graz einen beispiellosen Boom. Ein Versuch der Ursachenforschung in luftigen Höhen.

Kletter-Trainer Dietmar Irouschek beim Bouldern

Foto © Erwin ScheriauKletter-Trainer Dietmar Irouschek beim Bouldern

Wie eine Spinne hängt Nina Lach in der Wand. Hände und Arme weit gespreizt, sucht sie nach Halt. Bedächtig und hoch konzentriert wirkt die erst 14-jährige Grazerin. Doch sie ist schnell, greift zielsicher nach dem nächsten Griff in der meterhohen Kunstwand, zieht sich hinauf und greift erneut. Eben noch schoss ihr Bruder Thomas, nur zwei Jahre älter, auf einer anderen Route die Wand hinauf, nun steht er unten am Seil und sichert seine Schwester.

Lebenseinstellung

"Die beiden haben enormes Potenzial" sagt ihr Trainer Dietmar Irouschek mit einem Grinsen im Gesicht. Er hat die typische Figur eines Kletterers. Drahtiges, schmales Gesicht, muskulöser Oberkörper und diese Augen. Sein Blick verliert sich irgendwo zwischen der Nervosität des Adrenalinjunkies und der ruhigen Ausgeglichenheit eines Mannes, für den Klettern eine Lebenseinstellung bedeutet.

Hoch hinaus

Anfängerkurse gibt es in beiden Grazer Kletterhallen. Wer in der Union-Halle in der Gaußgasse 3 einsteigen möchte, sollte sich früh anmelden. Kursbeginn ist erst wieder im Oktober. Für Erwachsene bietet die CAC-Halle in der Idlhofgasse 74 zweitägige Einsteigerkurse an. Die Kosten belaufen sich auf 120 Euro, Kinder klettern billiger.

Etwa 30 Kinder zwischen 8 und 18 Jahren trainiert er seit 2006 in der Grazer CAC-Halle, der größten und schönsten ihrer Art in der Steiermark. In drei Altersgruppen eingeteilt trainieren die Kinder teilweise täglich. Klettern als Leistungssport, als Lebensinhalt. "Mit 16 ist man oft schon am Limit", so Irouschek. Die Kinder seines Vereins ÖAV-CAC dominieren die steirischen Meisterschaften meist nach Belieben, sowohl im Vorstieg, dem Klettern mit Seil, als auch dem Bouldern, der technischen Übungsdisziplin ohne Seil. Österreichweit müssen sie sich in zahlreichen Finali nur den Tirolern geschlagen geben, "doch die klettern in einer anderen Welt".

Aufstieg zum Massensport

In Graz boomt in erster Linie der Breitensport, Klettern als Entlüftungsgymnastik für Kopf und Körper. Philipp Muntean ist Kletterlehrer in der Grazer Union-Halle und kann sich vor Schülern kaum retten. Bis Oktober sind die Kurse ausgebucht, und seit die Halle vor zwei Jahren ausgebaut wurde, lässt sich ein Wachstum von 40 Prozent verzeichnen.

"Es ist der Wettkampf mit sich selbst, der Gang an die Grenzen". Muntean versucht, die Faszination des Sportes in Worte zu fassen, und klingt dabei, als hätte er sich mit Irouschek abgesprochen: "Das kalkulierte Risiko und der Kick des möglichen Sturzes", wird er sagen. Beide beschreiben die ungewöhnliche Einheit der körperlichen Verausgabung und der inneren Ruhe mit der Begeisterung eines Kindes. Wer in der Wand hängt, kennt keine Sorgen. Es ist ein Kanon des Kicks.

Die meisten Einsteiger sind zwischen 18 und 30 Jahre alt. "Es ist schon ein deutlicher Trend zur Jugend erkennbar", sagt Muntean. Er selbst überwand sich zum ersten Mal vor fast zehn Jahren, Irouschek klettert sogar schon seit 1995. Richtige Kletterhallen gab es damals noch kaum. Ein Umstand, der die beiden zu einer anderen Art des Kletterns zwang, die manche Einsteiger heute gar nicht mehr kennen: dem Sport in der freien Natur.

Draußen klettern ist etwas anderes. Die sichernden Hakenabstände sind teilweise erschreckend weit voneinander entfernt und das sichere Gefühl des doppelten Bodens einer Kletterhalle wird durch Adrenalinschauer vergessen gemacht. Man wird vorsichtig, muss sich auf seinen Partner verlassen, der im Ernstfall zur Lebensversicherung wird. "Der Reiz dabei entsteht durch die Überwindung, sich der Natur zu stellen und auf seinen Körper zu hören", sagt Irouschek. Er hat wieder diesen Blick.

Weich fallen

In der CAC-Halle ist es laut, wie Ameisen schießen Dutzende Kinder die Wände hinauf. Es ist ein auf den ersten Blick chaotisches Gewusel. Achtjährige greifen in zehn Meter Höhe ins Leere - und fallen. Instinktiv macht man die Augen zu, und wenn man sie wieder öffnet, baumelt ein Kind in den Seilen, entspannt und mit einem zen-artigen Grinsen im Gesicht. "Man fällt weich", sagt ein kleines Mädchen. Dann klettert sie wieder los, siegesgewiss will sie die Stelle nun bezwingen.

Es ist ganz normaler Trainingsalltag. Die 30 Kinder der Gruppe holten zuletzt ein halbes Dutzend Titel bei den steirischen Meisterschaften, nun stehen die landesweiten Bewerbe auf dem Plan. Dahinter, fast versteckt, klettert ein Paar eine abgelegenere und einfachere Wand hinauf. Dort ist es merkwürdig ruhig und doch merkt man den beiden die Anstrengung an. Er kämpft sich Stück für Stück empor, sie sichert vom Boden aus. Zusammen sind sie rund eineinhalb Jahrhunderte alt, mit dem Sport halten sie sich im Alter fit. Den Blick in den Augen haben sie immer noch.

SEBASTIAN KRAUSE

Seil oder nicht Seil

Klettern kann man grundsätzlich in zwei Varianten: Vorstieg nennt sich die "normale" Variante mit Seil und einem Partner. Doch vor allem das "Bouldern", Klettern in niedrigen Höhen, boomt in Graz. Neben dem CAC und der Union-Halle in Graz gibt es auch in Fürstenfeld, Judenburg und Wolfsberg nahe gelegene Kletterhallen.

Foto

Foto © Erwin Scheriau

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