Hier schraubt der Chef noch selbst – dieses Service bietet kein Webshop dieser Welt.
Hier schraubt der Chef noch selbst – dieses Service bietet kein Webshop dieser Welt. © Oliver Wolf
Bernkopfs Rat an alle Restaurierer: die originale Substanz erhalten, so gut es geht
Bernkopfs Rat an alle Restaurierer: die originale Substanz erhalten, so gut es geht © Oliver Wolf

Wo bin ich? Oder besser gefragt: wann? Werbeplakate an der Wand berichten von den neuen Leichtlaufrädern von Puch, die Standuhr aus Holz rät zu baldiger Kaffeepause (wie gut, dass die Espressomaschine
gerade fröhlich pfeift) und im Terrazzoboden spiegeln sich Fahrräder mit klangvollen Namen wie Jungmeister, Clubman oder Mistral, die gerade aus dem mausgrauen Firmen-Mini ausgeladen werden. Eine Zeitkapsel in der Grazer Kopernikusgasse, die einen charmanten Zauber ausstrahlt, wie man ihn seit Jahrzehnten – ja, eigentlich – richtig vermisst hat. Mit den Kunden ist man per Du, es riecht nach Schmierfett und Handarbeit.

Doch so alt die Objekte auch sein mögen, altmodisch sind hier höchstens die Zierstücke. Denn im Geschäft von David Bernkopf dreht sich alles um einen topaktuellen Hype: historische Fahrräder. „Das älteste war ein Puch Supersport von 1935. Da haben wir wirklich alles gemacht, vom Organisieren der fehlenden Teile bis zur kompletten Restaurierung“, erzählt der Firmengründer aus seinem Arbeitsalltag – mit einem Leuchten in den Augen, wie es sonst nur Kinder so gerne zeigen. Und auch bei dem gebürtigen Grazer fing die Leidenschaft zur pedalbetriebenen Fortbewegung schon früh an.

Doch aller Anfang ist ja bekanntlich schwer. Aber wie schwer eigentlich? Im Falle von Bernkopf ziemlich genau 18,5 Kilogramm, in Form von zwei Rädern, zwei Pedalen und massivem Stahl aus dem steirischen Thondorf. „Mit zwölf Jahren habe ich ein Waffenrad restauriert, zumindest was ich aus damaliger Sicht darunter verstand“, erzählt er schmunzelnd von den ersten Tretversuchen auf dem Gebiet klassischer Drahtesel. „Den Rahmen habe ich neu beschichten lassen, aber an ein paar technischen Details bin ich dann gescheitert.“ Der Liebe zu Fahrrädern der Marke Puch tat das aber keinen Abbruch, sie war ihm schließlich in die Wiege gelegt worden. „Mein Vater arbeitete in den 1980er-Jahren bei Puch, und seitdem ich denken kann, gab es in meiner Familie Puch-Fahrzeuge, und zwar nicht nur Fahrräder“, erzählt Bernkopf von dem, was man heutzutage frühkindliche Prägung nennen würde – für ihn der Startschuss einer lebenslangen Leidenschaft für diese Marke. Und alles begann nur drei Kilometer von Bernkopfs Laden entfernt.



In der Strauchergasse eröffnete nämlich ein gewisser Johann Puch Ende des neunzehnten Jahrhunderts ein Geschäft für Fahrradreparaturen. Sein Talent für muskelbetriebene Zweiräder kristallisierte sich bereits beim Militärdienst heraus, und so war es nur eine Frage der Zeit, bis er über den Vertrieb zu der Produktion eigener Modelle gelangen sollte. Erfolge im Sport machten Puchs Fabrikate weltweit bekannt, und 1914 schraubten bereits 1100 Mitarbeiter an die 16.000 Stück pro Jahr zusammen, ehe die Firma nach wirtschaftlichen Turbulenzen und Puchs Tod im Jahre 1928 mit der Österreichischen Daimler-Motoren AG fusionierte. Bereits 1934 verloren die Austro Daimler-Puchwerke AG aber wieder die finanziellen Stützräder, sodass eine neuerliche Fusion – dieses Mal mit den Steyr-Werken anstand.

Die Steyr-Daimler-Puch AG arbeitete bis weit in die 1980er-Jahre hinein, doch 1987 war der finanzielle Atem endgültig ausgegangen. Die Geschäftsfelder wurden aufgeteilt und die Fahrradproduktion endete nach mehr als 100 Jahren am Standort in Thondorf. Die Markenrechte sicherte sich Piaggio, sodass es Drahtesel mit dem legendären Logo noch einige Jahre geben sollte. Eines der bekanntesten Modelle ist kurioserweise das Waffenrad, obwohl es bei Puch nur produziert wurde. Ursprünglich war es ein von den Steyr-Werken erzeugtes Lizenzprodukt der englischen Firma Swift. „Ich kann mich noch erinnern, wie ich mir für mein Waffenrad einen Sattel und Wulstreifen gekauft habe. Das Betreten eines Fahrradgeschäfts hatte für mich immer schon etwas Magisches an sich“, erinnert sich Bernkopf an seine ersten Schritte. Als Berufswunsch gab er in der Schule voller Überzeugung Fahrradmechaniker an, und auch wenn er das Waffenrad voller Enthusiasmus anpackte – so geradlinig wie das Design eines Puch Mistral sollten sich weder die Restauration noch seine Laufbahn entwickeln. „Mit 16 interessierte ich mich dann mehr für Mopeds, mit 18 für Autos, und eigentlich habe ich bis zum 30. Lebensjahr nur an Oldtimern geschraubt“, erzählt er rückblickend von einer Zeit, die ihm unter anderem drei Minis und einen Lotus bescherte.



Und auch beruflich folgte er nicht dem Wunsch aus der Schulzeit, sondern absolvierte eine solide Ausbildung zum Werkzeugmacher, wobei sich im Laufe der Jahre zwei Dinge immer stärker herauskristallisierten. „Nur Werkstücke herzustellen, war mir zu wenig. Es fehlte die soziale Komponente. Diese fand ich in der Lehrlingsausbildung, zuerst in kleinerem Rahmen, später in einer Lehrwerkstätte. Aber da fehlten mir wieder die schmutzigen Hände.“ Wie gut, dass er dort den Sohn eines Fahrradhändlers in der Kantine traf, denn da gab es ja noch die alte Leidenschaft. „Ganz haben mich Fahrräder nie losgelassen. Ich war immer schon auf Flohmärkten unterwegs und habe nach schönen Exemplaren gesucht. Ein paar hab ich nebenbei immer gehabt, welche für Freunde organisiert und auch repariert. Und als ich dann mit 30 für meine Schwester ein Puch-Klapprad bewusst zerlegt und komplett neu gemacht habe, kam mir der Gedanke, ob man das nicht im größeren Stil machen könnte.“

Aber ist das nicht nur verträumte Liebhaberei? Weit gefehlt, denn mittlerweile kann man nicht einmal mehr von einem Trend sprechen. Laut einer Studie der Online-Plattform willhaben.at ist der Hang zum gebrauchten Fahrrad in weit mehr als nur einer kleinen Szene verbreitet. Knapp 77 Prozent der Befragten gaben an, sich nach einem Drahtesel aus zweiter Hand umzusehen. Etwa um echte Klassiker – zum Beispiel Singlespeeds oder Rennräder mit Stahlrahmen von Puch. Historische Fahrräder sind modern.

Vom Klappbis zum Rennrad: Die Welt der Drahtesel war einmal bunt und vielfältig
Vom Klappbis zum Rennrad: Die Welt der Drahtesel war einmal bunt und vielfältig © Oliver Wolf


Eine Bewegung, die auch an Bernkopf nicht spurlos vorübergegangen ist. Aus zehn Rädern im ersten Jahr wurden schnell mehr. „Nach der Arbeit bin ich immer direkt in den Keller gegangen, um dort an den alten Rädern zu zangeln“, erzählt er von den ersten 160 Exemplaren, die ihn schlussendlich den Schritt in die Selbstständigkeit wagen ließen. „Meine Schwester sah dieses leer stehende Geschäftslokal. Und da ich ganz in der Nähe wohnte, traf ich kurz darauf zufällig den Vermieter.“ Ein Tag später dann die Besichtigung, zwei Tage darauf war der Vertrag unterschrieben. Zwischendurch heuerte der überzeugte Mini-Fahrer bei besagter Arbeitsbekanntschaft als Fahrradmechaniker an und legte langsam, aber zielstrebig los.

Anfangs teilte er sich die Räumlichkeiten noch mit seiner Schwester, die im hinteren Teil alte Gemälde restaurierte. Doch das Geschäft wuchs und wuchs, dank eines Konzepts, das kein Webshop dieser Welt bieten kann. „Es ist wichtig, mit den Kunden zu reden, ihre Emotionen zu wecken“, erzählt Bernkopf. Und so wurden aus Kunden Stammkunden, zu einem Teil sogar Freunde – und im Falle von Christian Koplenig sogar ein Mitarbeiter. „Nach einem halben Jahr wusste ich, dass das alleine nicht mehr zu stemmen war. In der ehemaligen Restaurationswerkstatt meiner
Schwester haben wir noch zwei Arbeitsplätze eingerichtet.“ Im Lager sind derzeit 200 Drahtesel vorrätig, teils zum Herrichten, teils zum Ausschlachten. Ob er überhaupt noch auf der Suche nach neuen Fundstücken ist? „Nur mehr auf Flohmärkten. Aber mein Netzwerk ist schon so groß, dass die Räder zu mir kommen.“ Da drängt sich natürlich eine Frage auf. Wie viele Räder besitzen Sie denn privat, Herr Bernkopf? „Um die 90 Stück, großteils Puch, von den 1950ern bis Mitte der 1980er-Jahre. Da habe ich so ziemlich alle Modelle.“ So ziemlich? „Was mich wirklich interessiert, sind Exportmodelle und Mitarbeiterräder. So wie das Sears, mein Stadtrad, das für eine amerikanische Kaufhauskette konzipiert wurde. Oder eben die Exemplare zum Beispiel mit Produktionsfehlern, die intern verkauft wurden. Die haben dann auch keine Rahmennummer, sondern oft das Geburtsdatum des Mitarbeiters, der das Rad bekommen hat, eingestempelt.“ Unterschiede im Detail, die uns Laien verborgen bleiben, üben den speziellen Reiz aus. Aber gibt es da nicht doch ein Serienmodell, das noch gut in die Sammlung passen würde? „Oh ja, das Mistral Ultima von 1978 in Thondorf-Purple. Da bin ich noch dran.“

Mittlerweile hat sich die Radlerei als kompetenter Treffpunkt etabliert. Leichte Arbeiten werden sofort erledigt, und die schönsten zum Verkauf stehenden Modelle sonnen sich auf dem Gehsteig neben dem Firmenwagen – einem frisch restaurierten Minivan. Oldtimer sind schließlich immer noch des Chefradlers großes Hobby. „Mit dem fahre ich auch im Alltag oder auf Urlaub, weil er so viel Spaß macht und praktisch ist. Fünf Räder passen da hinein, wenn man sie zerlegt.“

Was der Profi Kunden rät, die gerne in altmodische Pedale treten wollen? „Wichtig ist, sich ein Markenrad zu kaufen. Ein altes Puch geht immer, diese Qualität gibt es heute nicht mehr. Wenn man das ordentlich repariert, hält das weitere 30 Jahre.“ Und wenn man seinem alten Schätzchen neuen Glanz verleihen will? „Wichtig ist, die Patina zu erhalten. Wir haben schon viele davon abgebracht, den Rahmen neu lackieren zu lassen. Man vernichtet ja im Endeffekt Kulturgut.“

Bernkopfs zweite Leidenschaft, vierrädrige Oldtimer, hat praktische Vorteile: Sein liebevoll restaurierter Mini Van dient auch als Lieferfahrzeug, bietet er doch Platz für bis zu fünf Fahrräder
Bernkopfs zweite Leidenschaft, vierrädrige Oldtimer, hat praktische Vorteile: Sein liebevoll restaurierter Mini Van dient auch als Lieferfahrzeug, bietet er doch Platz für bis zu fünf Fahrräder © Oliver Wolf



Inzwischen hat die Espressomaschine aufgehört zu pfeifen. Der Chef macht es sich auf einem Flechtsessel vor der Radlerei bequem. Zeit, ein wenig die Gedanken schweifen zu lassen. Sein Waffenrad schaffte es nach einer zehnjährigen Pause endlich zur Fertigstellung, für sein Geschäft hat Bernkopf nur fünf gebraucht. Wie es mit der Radlerei weitergehen wird? „Es passt so, wie es ist. Unlängst habe ich für einen Freund ein Fahrrad repariert – natürlich zu einem Sonderpreis. ‚Reich wirst damit aber nicht‘, meinte er im Spaß, als ich ihm die Summe nannte. Aber ich will gar nicht reich werden, sondern glücklich bleiben.“