TunerDie Frisur der nächsten Saison

Farben, Felgen, Fahrwerk – aber Schnellfahren? Darüber ist die Tuningszene von heute hinweg. Was die Jugend dennoch am Frisieren fasziniert.

Zwei Tuning-Freaks, ein Golf GTI, ein BMW 420d © Oliver Wolf
 

Nächstes Jahr liegt er am See. „Das kostet aber eine Stange Geld.“ Laurenz Patocka schmiedet Pläne für den kommenden Sommer – aber nicht, was den Urlaub betrifft. Sondern über den Umbau bei seinem GTI bis zum nächsten Wörthersee-Treffen. Gewindefahrwerk raus, Luftfahrwerk rein: Schon kann der Golf auf Knopfdruck abgesenkt werden, bis er fast auf dem Boden liegt. „Das ist schon lässig. Wenn du parkst, lässt du ihn einfach ganz hinunter“, kommentiert Lukas Kilian. Er ist ein guter Bekannter von Laurenz. Man kennt sich von diversen Facebookgruppen, und sein 4er-BMW kauert knapp über dem Boden, als sich die beiden zum Stelldichein auf dem Parkplatz von Bloomfield in den Wiesen im niederösterreichischen Leobersdorf treffen, um über ihr Hobby zu erzählen.

Geht es immer noch um PS, quietschende Reifen und nächtliche Ampelrennen? Beide schütteln den Kopf. „Ich finde es schade, dass wir mit den Rasern immer in einen Topf geworfen werden“, ärgert sich Laurenz. „Dabei sind das zwei völlig unterschiedliche Gruppen. Wir investieren viel und geben uns Mühe, damit unsere Autos schön aussehen. Das werden wir ja dann nicht gleich mutwillig zerstören.“ Schnellfahren hat also nicht nur den Status des Kavaliersdelikts verloren. Es ist bei den Jungen sogar schon längst aus der Mode gekommen.

Was findet die Generation Z also am Thema Tuning? „Ich will mit etwas fahren, was auffällt.“ Für Laurenz ist Tuning eine Frage des persönlichen Stils. Individualität, als Gegenstück zur uniformen Mobilität namens Carsharing. „Außerdem wollte ich schon immer einen GTI haben. Auch deswegen, weil er leistbar ist, was den Unterhalt und die Teile angeht.“ Denn das liebe Geld ist natürlich immer ein Thema. „Tuning zahlt dir keiner, wenn du den Wagen einmal verkaufen möchtest. Mein erstes Auto, ein komplett umgebauter BMW, wollte lange überhaupt keiner. Am Ende musste ich ihn fast schon herschenken.“ Den VW ging er deutlich cleverer an. „Ich habe die originalen Teile im Keller liegen. Wenn er verkauft werden soll, rüste ich ihn komplett auf Serie zurück und verkaufe Fahrwerk, Auspuff und Räder ex­tra. So bekommt man am meisten Geld heraus.“ Noch ist es aber nicht so weit, zu viele Ideen will der angehende Flugzeugpilot verwirklichen. Und zu gern fährt er mit seinem ganz persönlichen Volkswagen. „Ich möchte Spaß haben, und das Fahren ist eine große Leidenschaft von mir.“ Eine Leidenschaft, bei der autonom agierende Autos definitiv keinen Platz haben.

Laurenz und sein VW Golf GTI, 220 PS, Gewindefahrwerk, gelochte Bremsscheiben, 19-Zoll-Räder, Spoiler und Spiegelkappen aus Carbon, Heckdiffusor, Sportauspuff, Folierung in Lichtgrau. Foto © Oliver Wolf

Natürlich gibt es nach wie vor Begegnungen der ungewollten Art mit den Exekutivbeamten. Nur ist des Tuners größter Spielverderber schon lange nicht mehr die Radarfalle, sondern das Thema der Typisierung. Jede gravierende technische Änderung am Fahrzeug muss der zuständigen Landesprüfstelle vorgeführt werden. Mit Rädern und der Lautstärke, da kommt man schon zusammen. Aber bei der Fahrzeughöhe, da gibt es keinen Verhandlungsspielraum. Acht Zentimeter vom tiefsten Punkt bis zur Straße – dort fängt der Spaß erst an. Für eine wirklich scharfe Optik muss man mehr in die Tiefe gehen, und dieses Risiko geht Laurenz bewusst ein. Gibt es bei diesem Tiefgang im Alltag denn keine Probleme? „Nein, wir haben im Vergleich zu anderen Ländern ja tolle Straßen“, erzählt der 22-Jährige und fügt schmunzelnd hinzu: „Und außerdem: Mein Auto ist in meiner Runde noch immer das höchste.“

Darüber kann Lukas Kilian nur lachen. Seinen 4er-BMW senkt er auf Knopfdruck ab. So weit, dass die Reifenflanke im Radkasten verschwindet. „Nein, fahrbar ist das so natürlich nicht mehr. Aber dafür pumpe ich ihn einfach wieder hinauf.“ Jedes Einparken wird untermalt von einem finalen Zischen, wenn aus den Luftbälgen der Druck abgelassen wird – großes Kino in der Szene. Und auch bei der Polizei. Aber der Informatiker lässt sich davon nicht sein Hobby vermiesen. „Das macht Spaß. Es ist eine tolle Abwechslung zu meinem Beruf und außerdem gibt es eine lässige Szene in Wien. Das ist immer cool, wenn man sich trifft.“

Kilian und sein BMW 420d, 184 PS, Luftfahrwerk, getönte Rücklichter, Heckdiffusor, Spiegelkappen und Spoilerlippe aus Carbon, 20- Zoll-Räder, Sport­auspuff, Folierung in Kardinalrot. Foto © Oliver Wolf

Dass sich der Umbau knapp eineinhalb Jahre in die Länge zog, lag natürlich auch am Geld. „Das ist der Grund, wa­rum viele heute gar nicht oder erst später damit anfangen, ihr Auto zu modifizieren. Aber die Jungen machen immer noch viel. Und wenn es nur andere Felgen sind, sie beschäftigen sich damit. Es geht ja um die Liebe zum Auto.“ Dass der BMW ein Diesel ist, lag am verlockenden Angebot, aber der nächste Wagen wird dafür bestimmt ein Benziner sein. Aber überhaupt – hat denn der Elektroantrieb keine Chance unter den Tu­nern? Stille würde am Wörthersee einkehren, doch gut steht es um die dezent surrende Antriebsform in diesen Kreisen nicht. Der Fankreis ist praktisch nicht existent, und die zwei sind sich einig, als Laurenz seinen GTI startet: Der kernige Klang, das sinnliche Element des Auspuff­sounds, darin bleibt der gute alte Ottomotor einfach unerreicht.

Über alles andere diskutiert die Szene eifrig im Netz. Es gibt für jedes Modell, jede Region und fast schon jedes Bauteil eigene Gruppen auf Facebook, und selbst das Umbauen an sich kann einem mit Online-Tauschbörsen ein wenig leichter gemacht werden. „Wichtig ist nur, dass man sich nicht beeinflussen lässt“, so Lukas weiter, „Geschmäcker sind verschieden, und das eigene Auto wird nie jedem gefallen. Aber im Endeffekt sind wir alle eine große Runde.“ Und die trifft sich einmal jährlich am Wörthersee. Das große Treffen im Mai, das nach wie vor Massen anzieht, aber dennoch kritisch gesehen wird. Lukas freut sich zwar, dass Österreich aufgrund dieser Veranstaltung, die sich mit allen Nebengeräuschen über einen Monat hinzieht, eine große Nummer in der Welt des Tunings ist. Dennoch sieht er die Angelegenheit realistisch: „Den Ärger der Leute muss man schon verstehen. Als Anrainer würde ich mich wohl auch beschweren. Und wenn die Verrückten so weitermachen, ist in fünf Jahren Schluss mit dem Treffen.“

Ob bei ihren Autos jemals Schluss ist? Die zwei schauen sich an und müssen lachen. Natürlich nicht! „Man findet immer etwas“, sagt Laurenz. „Und Felgen sind das Schlimmste, weil es ständig neue Kollektionen gibt. Ich trage ja auch nicht jedes Jahr die gleichen Schuhe.“ Für Lukas muss es nicht einmal so viel sein: „Man kann ja immer wieder kleine Dinge machen, die bringen dann oft den großen Unterschied.“ Hauptsache, es trifft den eigenen Geschmack. Und zwar nur den. Wobei man auch da manchmal übertreiben kann, wie ein gemeinsamer Freund bewiesen hat. Sein M3 ist zu extrem für den Alltag, und ein gebrauchter 5er-BMW muss nun als Zweitwagen herhalten. Während der frisierte Wagen nicht nur am See, sondern auch die meiste Zeit in der Garage liegt.

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