VordenkerDie Generation Z duldet keine Schranken

Johann Jungwirth revolutioniert den gesamten VW-Konzern: Der ehemalige Apple-Topmanager wechselte nach Deutschland, um hier seine Vision der Mobilität von morgen zu realisieren. Er weiß schon heute, wie wir in Zukunft fahren werden – und wie die Generation Z unsere Mobilität verändert.

© Oliver Wolf
 

Unaufhaltsam verändert sich unsere Mobilität, die Generation Z gilt als Treiber der Veränderungen. Die großen Autohersteller hören auf die erste Generation, die ausschließlich in einer digitalen Welt aufgewachsen ist. Verstehen Sie, was sie will?
JOHANN JUNGWIRTH: Die Generation Z wächst eher in Frieden auf, und mit vielen Freiheiten. Sie hinterfragt viel mehr, auch den Status quo, und sie ist viel freier in dem Sinne, sich zu bewegen. Sie denkt weniger lokal, sondern vielmehr global. Und ich erlebe die Generation Z sehr viel mehr fokussiert auf Nachhaltigkeit und den Planeten Erde. Sie fragt sich: Wie kann man die Erde beschützen, auch für die nächsten Generationen bewahren? Und sie legt auch viel mehr Wert auf Gesundheit und schaut darauf: Wo kommt der Strom für die E-Mobilität her? Ist der sauber? Und arbeitet das Unternehmen, mit dem ich mobil bin, nachhaltig? Ist es ein Unternehmen, das die richtigen Werte hat?

Liegt die Zukunft der Autoindustrie darin, dass man die Generation Z richtig versteht?
JUNGWIRTH: Also, wir haben schon mit mehreren Generationen zu tun, das darf man nicht vergessen. Dementsprechend ist die Bandbreite, die wir abdecken müssen in den nächsten Jahren und Jahrzehnten, sehr groß. Wir müssen ja nicht nur Mobilität anbieten, sondern als Unternehmen und Arbeitgeber interessant für unterschiedliche Generationen sein. Das heißt, für jüngere genauso wie für die Babyboomer.

Zahlenmäßig geben ja die Babyboomer den Ton an.
JUNGWIRTH: Diese Generation wird sich außerdem Mobilität nicht nur als Shared-Mobilität, die man auf Knopfdruck bucht, sondern auch als Eigentum leisten können. Was ich damit ausdrücken will: Unsere Aufgabe liegt darin, alle Generationen zu verstehen.

Alles ist auf jene Generation ausgerichtet, die in der digitalen Welt aufgewachsen ist. Trotzdem nutzt ein 54-Jähriger das Smartphone mit Abstrichen ebenso. Was bedeutet das jetzt für die Entwicklung von Software und Benutzeroberflächen von Autos? Wie verbindet man hier Jung und Alt?
JUNGWIRTH: Für mich ist eines der besten Beispiele das iPad, das Produkt im iOS-Ökosystem von Apple: Sie können das iPad einer 90-jährigen Dame oder der zweijährigen Tochter geben, beide brauchen keine Bedienungsanleitung. Beide verstehen relativ schnell, wie es funktioniert. Bei den Zweijährigen ist das Ergebnis, dass sie bei Zeitungen und Magazinen anfangen zu wischen, und sie wundern sich, warum das nicht geht. Schlüssel zum Erfolg ist, dass es intuitiv, simpel und logisch aufgebaut sein muss – und selbsterklärend. Wenn wir das schaffen, dann haben wir Erfolg über alle Generationen.

Foto © Oliver Wolf

Braucht man für die Generation Z nicht doch spezielle Zugänge?
JUNGWIRTH: Die wundert sich nur, wenn in der analogen Welt etwas nicht so funktioniert wie in ihrer angeborenen digitalen Welt. Für sie ist es selbstverständlich, dass sie ihren digitalen Lebensstil ununterbrochen fortsetzt. Im Haus, im Zug oder natürlich im Auto. Oder im Flugzeug. Für sie käme es gar nicht infrage, sich in ein Flugzeug zu setzen, wo sie nicht online sind. Deshalb ist es für diese Generation ja auch so selbstverständlich, dass ab den Jahren 2021/2022 dann auch selbstfahrende, autonome Mobile vorhanden sind, bei denen es egal ist, ob sie einen Führerschein haben oder nicht. Sie können sich damit fortbewegen. Die Generation Z hat ein anderes Verständnis: Freiheit empfindet sie, indem sie vernetzt ist. Für sie ist es eine Einschränkung und irgendwie eine Beschränkung ihres Lebensstils, nicht vernetzt zu sein. Sei es über Instagram, Whatsapp oder andere Medien. Da ist ein Paradigmenwechsel im Gange. Andere Generationen fühlen sich ja auch wohl, wenn sie nicht vernetzt sind. Die neue Generation fühlt sich aber am wohlsten dabei, wenn sie immer online ist.

Sie haben sich selbst einmal als Car Guy bezeichnet. Da schwingt Autoleidenschaft mit. Wie werden aber Ihre drei Kinder Mobilität erfahren? Werden sie noch Spaß daran haben, einen Sportwagen zu fahren? Oder will man tatsächlich nur noch vernetzt sein? Außerdem: Auf Knopfdruck zu driften ist eh sicherer, oder?
JUNGWIRTH: Ich denke, wichtig ist, dass man versteht, dass es verschiedene Facetten geben wird. Für die einen wird es die Mobilität auf Knopfdruck sein, wie wir es mit unserem One-Button-System und Sedric mit autonomen Fahrzeugen machen, die auf Knopfdruck zu uns finden. Oder indem ich mit meinem digitalen Assistenten spreche, mit meiner App. Oder ich gebe meinem Mobilitätsassistenten Zugriff auf meinen Kalender und der weiß dann schon, wann ich wo sein möchte. Dann steht das Fahrzeug schon vor der Tür, das eben mein Mobilitätsassistent selbstständig geordert hat, ohne dass ich etwas tun muss. Das heißt, wir werden diese Intelligenz, die mich umsorgt und die meine Bedürfnisse versteht, im Mobilitätsökosystem haben. Ich glaube, das wird der Standardfall für meine Kinder sein, die heute zwischen zwei und sechs Jahre alt sind. Ich glaube aber auch, dass sie in gewissen Situationen und Umständen auch einmal das Bedürfnis haben werden, einmal schneller zu fahren, wie auf einer Gokartbahn, oder auch einen Porsche zu besitzen. Dann werden sie eben einen Führerschein machen. Und, ja, sich hinters Steuer setzen und Spaß haben. Aber ein großer Teil ihrer Mobilität wird über selbstfahrende Fahrzeuge abgedeckt sein.

Was wird sich an den Bedürfnissen der Generation Z ändern, wenn diese älter wird?
JUNGWIRTH: Schwer vorauszusehen. Aber es geht ja auch um Nutzergruppen, die keinen Zugang zu individueller Mobilität haben. Zum Beispiel blinde, behinderte oder ältere Menschen. Das heißt, es gibt so viele Menschen, Millionen weltweit, die sehnen diese selbstfahrenden Verkehrsmittel herbei, weil sie öffentliche Verkehrsmittel nützen müssen. Sie müssen heute mit Rollator, Rollstuhl, Blindenstock zur Haltestelle, das kostet Kraft, das kann gefährlich sein, das ist mühsam. Und sie sind darauf angewiesen, dass man ihnen hilft. Das ist ein so hoher Anspruch und ein Bedürfnis, das generationenunabhängig ist. Damit man diese Menschen sicher von A nach B bringen kann, braucht man autonome Autos. Wenn man das jetzt zur Seite lässt: Führerschein machen, Auto kaufen, dieses Freiheitsgefühl des Selber-Steuerns wird sich verändern und es werden neue Generationen heranwachsen. Für diese ist es selbstverständlich, dass sie in ein selbstfahrendes Auto einsteigen werden. Und dass dieses Auto auftaucht, ohne dass sie es geholt haben.

Sie arbeiteten schon früher in der Autoindustrie, sind dann zu Apple und jetzt wieder zurück in die Autoindustrie. Sie kommen aus einer neuen Welt, die sich anschickte, die alte – überspitzt formuliert – zu übernehmen. Es hat Schlagzeilen gegeben, dass Apple selbst ein Auto baut oder gar einen Autokonzern kauft. Was hat Sie bewogen, in diese alte Welt zurückzukehren?
JUNGWIRTH: Es waren zwei Gründe. Erstens: persönliche. Und zweitens hat man auf VW-Konzernebene die Digitalisierungsstrategie neu positioniert. Ich habe auch eine Riesenchance in der Krise gesehen und dass ich hier etwas bewegen kann. Und das hat sich bisher voll bestätigt. Ich kann hier am meisten bewegen, um diesen Wandel mit ganz vielen Menschen umzusetzen. 

Der Generation Z wird fehlende Loyalität zu Marken nachgesagt. Wenn etwas nicht funktioniert, geht sie zur nächsten Marke, man holt sich aktiv, was man braucht. Wie schafft man in so einer Welt eine langfristige Markenbindung?
JUNGWIRTH: Ich würde das über die Markenvielfalt, die wir im Konzern haben, gerne unterschiedlich beantworten. Ich bin überzeugt, dass es generationenunabhängig etwa bei Bugatti, Bentley, Porsche eine hohe Markenaffinität geben wird – und eine hohe Loyalität. In den Volumensegmenten wird es am Ende sehr stark auf die User-Experience ankommen. Die Generation Z und teilweise auch die Generation Y und definitiv die Generationen Alpha und Beta: Sie verlangen die besten Lösungen. Dafür haben wir auch drei Futurecenter aufgebaut. Nochmals: Es geht um die Benutzerfreundlichkeit, um die Einfachheit in der Bedienung. Es kann nicht sein, dass man eine Bedienungsanleitung braucht, alles muss selbsterklärend sein.

Und trotzdem soll alles generationenübergreifend funktionieren, wie Sie angedeutet haben.
So sind wir auf diese Volkswagen-One-Button-Lösung gekommen (Anm.: siehe auch Seite 19). Ein Schlüssel zum Erfolg liegt für die Automarken einfach darin, die beste User-Experience für die Kunden anzubieten. Wenn man das schafft, wird man sehr erfolgreich sein.

Ein Satz der Generation Z ist ebenso selbsterklärend: Ist das Smartphone weg, ist die Welt weg. Die Diskussion, die auf Sie zukommen könnte: Was ist wichtiger, Smartphone oder Auto?
JUNGWIRTH: Die Frage, glaube ich, stellt sich nicht so. Es wird beides sein, aber in einem anderen Kontext und mit einem anderen Selbstverständnis. Das Smartphone wird zum Menschen und zur Generation Z gehören. Ich bin aber der festen Überzeugung, dass die Mobilität, von A nach B zu kommen, und dieses Freiheitsgefühl, Menschen auch real treffen zu können, sie nicht nur virtuell zu sehen, bleiben werden! Und dass wir dieses Grundbedürfnis als Menschenrecht auf Mobilität sehen. Es geht darum, dass man noch mehr Möglichkeiten hat. Vom E-Bike bis zur autonomen Mobilität auf Knopfdruck, aber auch, ein Auto zu kaufen oder eine Drohne zu rufen.

Die Generation Z bewegt sich in digitalen Ökosystemen. Etwa in der Welt von Apple, wo man vom Appstore bis zum Musikstreaming alles haben kann, wie in einem Einkaufscenter. Man muss es nicht verlassen und hat alles. Was muss ein Konzern wie die Volkswagengruppe bieten, damit die Jungen in ihr Ökosystem überhaupt hineinkommen?
JUNGWIRTH: Die Generation Z wird von uns ein Ökosystem und eine Plattform bekommen, bei der sie über alle acht Pkw-Marken und weitere Mobilitätsmarken eine ID besitzen. Das heißt, man kann sich auch innerhalb unserer Produkte von Marke A zu Marke B bewegen und sein Profil mitnehmen. Sie werden bei uns ein großes Ökosystem vorfinden. Egal, ob sie in ihren Seat oder Audi einsteigen, das Fahrzeug wird sie mit ihrem Namen begrüßen. Und von der Sitzeinstellung bis zum Lieblingssong oder Audiobuch, das sie gerade im Haus gehört haben – alles wird automatisch da sein. Unabhängig davon, ob ich die nächste Fahrt mit meinem eigenen Fahrzeug bestreite oder ein autonomes Auto à la Sedric von Volkswagen buche. Es wird autonome Fahrzeuge geben, die ich als Arbeitszimmer, Lounge, Gaming-, Wellness- oder Schlafauto für längere Strecken haben werde.

Wie wird das digitale Ökosystem der VW-Gruppe genau aussehen, mit dem man ein Geschäft machen möchte? Darf etwa Youtube hinein, das ja ein eigenes Geschäftsmodell verfolgt? Oder ist man so unter Druck, dass man Youtube sowieso hineinbringen muss?
JUNGWIRTH: Sicher ist: Die Generation Z akzeptiert keine Schranken mehr. Sie erwartet, dass sie alles bekommt, was sie braucht. Für ihr digitales Leben, unterwegs, zu Hause. Unser digitales Ökosystem muss deshalb eine weite Plattform sein, die komplett offen ist für Content.

Reicht das?
JUNGWIRTH: Der nächste Schlüssel zum Erfolg wird die künstliche Intelligenz sein. Die Generation Z wächst damit überall auf, deshalb redet man heute nicht über digitale Unternehmen, digitale Services etc. – die nächste Generation ist smart. Alles dreht sich um lernende Maschinen und künstliche Intelligenz.

Wie weit sind wir bei der künstlichen Intelligenz, verglichen mit einem 100-Meter-Lauf ?
JUNGWIRTH: Beim ersten Meter.

Wenn man autonom fährt, was ist so gut daran? Was bedeutet das für die gesellschaftlichen Entwicklungen?
JUNGWIRTH: Die Generation Z sieht es als Unterbrechung ihres digitalen Lebensstils an, wenn sie sich hinter das Steuer eines Fahrzeugs setzen muss und nicht mehr über Instagram und Whats-app kommunizieren kann. Wir haben mit den Generationen Y und Z Interviews geführt, eine Antwort ist mir besonders hängen geblieben: „Ich will nicht, dass mein Leben stoppt, wenn ich in das Auto komme.“ Das müssen wir berücksichtigen. Dementsprechend ist die Verantwortung bei uns, autonome Autos zu bauen.

Wo wird das umgesetzt?
JUNGWIRTH: Ich sehe die Umsetzung nicht sofort in allen Staaten, das ist der eine Aspekt. Aber es ist auch ein Sicherheitsaspekt, 91 Prozent der Unfälle werden von Menschen verursacht. Wir haben eine hohe gesellschaftliche Verantwortung. Das dürfen wir nicht mehr zulassen, das können wir ändern. Und wir wissen daten- wie faktenbasiert, dass 81,4 Prozent dieser Unfälle dann durch Hilfe der autonomen Autos nicht mehr auftreten werden. Weil diese Autos nicht einschlafen, nicht über rote Ampeln fahren, weil sie keinen Alkohol trinken, sich nicht von Smartphones ablenken lassen, nicht zu schnell fahren, nicht diesen eingeschränkten Blick haben.

Und der Faktor Zeit?
JUNGWIRTH: Rund 38.000 Stunden verbringen wir durchschnittlich in unserem Leben im Auto, Tausende Stunden davon in Staus. Die Generationen werden uns letztlich dankbar für autonome Autos sein. 

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