GedankenmobileVom Hippomobile zum Gespensterauto

Die alte und die neue Freiheit in der Mobilität: Literatin Valerie Fritsch analysiert dabei Rausch, Unsinn, Übermut und warum sie keinen Führerschein hat.

Fritsch über Carsharing: „Man steigt ein und fährt selbstbestimmt, als wäre es der eigene Wagen, man steigt aus und ist frei und unverpflichtet.“ © Jasmin Schuller
 

Zur Geschichte des Automobils: Das ist eine Geschichte abenteuerlicher Experimente und fixer Ideen, in der es nichts gab, was man nicht ausprobiert hätte. Über die Jahrhunderte erfand man erst das Rad, später Segelwagen, die mit vom Wind geblähten Tüchern die Ufer entlangfuhren, langsame Gebilde betrieben von Uhrwerken, angeblich sich selbst bewegendeZaubermaschinen, die von kleinen Buben versteckt im Inneren angetrieben wurden, Explosionsmotoren mit Schießpulver als Brennstoff, elektrische Gefährte, Dampfwagen und Hippomobile. Es war ein langer Weg, eine wunderliche Evolution der Fahrzeuge, bis Verbrennungsmotoren das Auto von einer Idee weniger Spinner zur alltäglichen Antriebskraft der meisten werden ließ.

Als Ende des 19. Jahrhunderts das Benz-Motorwagen-Patent angemeldet wurde, war die Welt wenig bereit für das neue Zeitalter der Mobilität. Die Straßen schienen ungeeignet, die Pferde- und Fuhrwerkindustrie außer sich und Tankstellen so unbekannt, dass
Bertha Benz bei der ersten Überlandfahrt über 100 Kilometer in einer Apotheke ein Reinigungsmittel nachtanken musste, als ihr das Leichtbenzin ausgegangen war.

Heute ist das Auto längst selbstverständlich, überall, nirgends nicht, langsam schon wieder zum Problem geworden, und die Experimente haben nicht aufgehört. Vieles ist widersprüchlich. Die Ansichten, Bedürfnisse und Prioritäten klaffen auseinander. Die Generationen Y und Z unterscheiden sich von den ihnen vorangegangenen. Umweltbelastung, Erhaltungskosten, Stau- und Parkplatzschwierigkeiten haben das Verständnis für Mobilität gewandelt und erweitert, genauso wie die
wachsenden Alternativmöglichkeiten. Ein Neuwagen als Statussymbol ist für die Jugend eine veraltete Idee vom guten Leben. Geteilte, geborgte, gebrauchte Autos, als Mittel zum Zweck, bedarfsorientiert, verfügbar nach Wunsch, haben sie abgelöst. Zugang gegen Eigentum. Man muss nichts mehr besitzen, um es zu nutzen.

Aus einem Gespräch mit Niki Lauda

"Ein Auto muss fahren, nachhaltig gut funktionieren. Wenn es auch noch schön ist, umso besser. Autos können auch sexy sein."

 

Fahrgemeinschaften, Carsharing, Mitfahrgelegenheiten, oder das minutenweise Anmieten von Fahrzeugen in der Stadt, die man an ihrem Ankunftsort einfach stehen lassen kann. Sprichwörtlich sind die Firmennamen dieser Mobilitätsunternehmen ein ukomplizierter Imperativ: car to go, drive now. Es sind schnelle Möglichkeiten für ein akutes Jetzt, ohne die finanzielle Verantwortung für Anschaffung, Wartung und laufende Kosten.

Man steigt ein und fährt selbstbestimmt, als wäre es der eigene Wagen, man steigt aus, und ist frei und unverpflichtet. Es ist vor allem ein Experiment der großen Städte, ein erstes Angebot, ein Herantasten an die konsequent Flexiblen, kein Lebensmodell, das sich raumgreifend wiederfinden lässt. Denn während die Unpersönlichkeit für die einen ein Bedürfnis bedient, ist sie für die anderen ein Gefühl, das die Bindung zu ihrer Schrottmühle, ihrem Schlitten, ihrem geliebten fahrbaren Untersatz nicht gegenteiliger beschreiben könnte. Manche Dinge bleiben der Modernisierung zum Trotz gleich. Am Land ist das eigene Auto immer noch der Startschuss zur Freiheit und zum wilden Leben. Mit dem Erwachsenwerden kommt das Auto oder umgekehrt. Nichts wie weg, um die Welt abseits des Zuhauses zu vermessen, Enge mit Weite zu vertauschen, Stillstand mit dem Rausch des eigenen Wegs. Raus aus der Unmündigkeit gegenüber den elterlichen Chauffeuren, hinein in Unsinn und Übermut.

Das erste Auto ermächtigt zu Vergnügungsfahrten und Privatheit, weit fährt man damit zur nächsten Party, eilig in den Wald, um Unmengen Marihuanazigaretten zu rauchen, noch eiliger auf einen verschatteten Parkplatz, um ausschweifend zu schmusen. Später ruckelt man am Rande des Nervenzusammenbruchs weinende Kinder in den Schlaf oder stößt selbst einen im Refugium des Faradayschen Käfigs rettenden Urschrei jenseits des Familienlebens aus. Gespieben und geküsst wird auf den Sitzen, Müll gehortet, gegessen und gearbeitet, und in den somnambulen Flow der Landschaft hinausgesehen. Irgendwann hängt man an den Erinnerungen der ewig langen Urlaubsfahrten, den durchlebten Kilometern eines Roadtrips, an Flecken, Brandlöchern und anderen herzhaft menschlichen Erlebnissen, die erst der Fehler schönt. Waren die ersten Autos dünnrädrige Gestelle, die kutschenähnlich an einen fahrenden Thron erinnerten, auf dem stolz ein Gentleman saß, erfindet sich die Welt heute Fahrzeuge ohne Menschen. Selbstfahrende Autos mit leerem Fahrersitz, autonome Roboter, die mit Sensoren Umgebung und Position bestimmen. Integrierte Navigationssysteme wissen, was man selbst nicht weiß.

Aus einem Gespräch mit Niki Lauda

"Ein Mercedes ist schön, aber kein Statussymbol. Ich habe nichts gegen Ästhetik, aber wenn ich z. B. 15.000 km nach Schanghai fahre, dann ist es mir egal, wie das Auto aussieht, mit dem ich unterwegs bin"

Die Technik soll sparen: Geld, Unfälle, Unglücke und Menschenleben. Die Älteren und Alten soll sie im wahrsten Sinne des Wortes abholen. Man wird Greise statt in weltverlorenen Wohnungen sitzen, in führerlosen Wagen durch die Gegend reisen sehen, ist der Wunsch. Man versucht, die Prototypen zu verantwortungsvollen Maschinen zu programmieren, man stellt ihnen ethische Fragen und steht vor der Aufgabe, ihnen die richtigen Antworten vorzugeben. Wie verhalten sie sich, wenn etwas passiert, wie wird eine Entscheidung abgewogen, ein Menschenleben im unvermeidbaren Unfallsfalle aufgerechnet? Karambolagen durch Softwarefehler, Zusammenstöße ob Prioritätensetzung.

Es gab Tests, bei welchen ein autonomes Auto die berühmte Bertha-Benz-Strecke fuhr, andere, die Fahrzeuge von Silicon Valley nach Las Vegas führten. Es ist ein gespenstisches Bild, unterm Himmel ein einsamer Wagen, der durch die Wüste der glitzernden Spielstadt entgegenrast, ohne Fahrer, ohne Spieler, aber auch eines, an das man sich gewöhnen wird.

Ich selbst habe im Übrigen keinen Führerschein, ihn nie gebraucht. Ich bin Beifahrerin, Zugfahrerin, Busfahrerin und Fußgängerin, und viel auf Reisen. Da wird die Mobilität oft um Esel, Pferde, Kamele und Lastwagenladeflächen erweitert. Anfang des Jahres bin ich mit meinem Mann durch 14 Länder und über 16.000 Kilometer von Graz nach Kasachstan gefahren, habe im Auto gelebt, gekocht, geschlafen, in Wüsten, auf Bergspitzen, an Küstenstreifen. Es gibt auch heute nicht immer und überall Tankstellen, und so mussten wir das Benzin nicht in Apotheken, aber hin und wieder unter der Hand am Schwarzmarkt und Bazar kaufen. 

Foto © Jasmin Schuller

ZUR PERSON

Valerie Fritsch (geb. 1989) ist „Schriftstellerin, Photokünstlerin und Reisende. Sie lebt in Graz, sofern sie nicht walziert.“ Sie absolvierte ein Studium an der Akademie für angewandte Fotografie, arbeitet als Schriftstellerin und Fotokünstlerin. Für ihre Arbeit wurde sie vielfach ausgezeichnet.

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