Europas Fluglinien und der große Knall
Der Lufthansa-Streik bietet enormes Chaos-Potenzial.
Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein. Alle Ängste, alle Sorgen - sagt man - liegen darunter verborgen." Mit dem romantischen Bild der Fliegerei, das einst Reinhard Mey so poetisch besungen hat, lassen sich die Entwicklungen in der kommerziellen europäischen Luftfahrt derzeit nicht einfangen. Denn die Ängste und Sorgen der Branche, der insbesondere in Europa die Luft ausgeht, liegen längst nicht mehr im Verborgenen. Und jetzt droht auch noch ein folgenschwerer Streik der 19.000 Lufthansa-Flugbegleiter. Unbefristet und an allen deutschen Flughäfen, kurz vor Ferienende. Wenn die Lufthansa am Boden bleibt, geht das freilich den gesamten europäischen Flugverkehr etwas an, das Chaos-Potenzial ist riesig.
Dem Streik waren monatelange Verhandlungen und Drohungen vorangegangen. Für die AUA-Mutter hielt der gestrige Tag weitere schlechte Nachrichten parat. Im ersten Halbjahr ist Europas größte Airline in die roten Zahlen geflogen. Und ist damit in bester Gesellschaft. Die Fluggesellschaften kämpfen mit einer Reihe von Problemen, teils unverschuldet, teils hausgemacht. Die hohen Kerosinpreise belasten ebenso wie die Konkurrenz der Billigflieger sowie die neuen Mächte aus Asien. Hinzu kommt das wenig erbauliche gesamtwirtschaftliche Umfeld, das auf den Passagier- und Frachtzahlen lastet. Eine Antwort auf Ryanair & Co. hat noch keine der traditionellen Airlines gefunden.
Doch selbst den Billigfliegern ist es schon einmal deutlich besser gegangen. Seit Jahren tobt eine Preisschlacht, die die Rentabilität der Gesellschaften weiter schwächt. In Europa hat heuer ein regelrechtes Airline-Sterben eingesetzt. Dazu gehören so prominente Namen wie Cirrus, Malev, Spanair oder Air Finland. Experten sehen die Bereinigung noch längst nicht am Ende. Daher wird vor allem in Europa eisern gespart, auch deshalb, weil die großen Fluglinien dringend Milliarden in die Modernisierung ihrer Flotte investieren müssen. Während bei den neuen Branchenriesen wie Emirates Geld keine Rolle spielt, sieht's in Europa also finster aus.
Die Lufthansa-Manager fühlen sich auch von den Kollektivverträgen eingeengt, die Kompromissbereitschaft gegenüber den mächtigen Gewerkschaften sinkt. Lufthansa-Aufsichtsratschef Jürgen Weber hat in Hinblick auf das gewerkschaftliche Ultimatum gemeint: "Besser man lässt es zum großen Knall kommen, bevor sich das Unternehmen aus dem Wettbewerb katapultiert". Jetzt hat's einmal geknallt.
Der ganz große Knall in der Branche wird das aber leider wohl noch nicht gewesen sein.
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