Nackt nicht nur im Bild sondern auch im Geiste
Es fehlt uns eine moralische Staumauer im Internet.
Aufwachen neben einem Menschen, den man kaum kennt, das peinlich berührte Schweigen am Morgen und ein intensiv durchlebtes Gewand vom Vorabend, das man wieder anziehen muss. Es gibt Schöneres als ein One-Night-Stand. Doch etliche fiese Menschen zeigen seit Wochen, dass es leider noch Schlimmer geht. Vor allem Männer (aber auch einige Frauen) laden Fotos von ihrer "Beute" ins Netz. Nackt, schlafend, mit verwuschelten Haaren, ungefragt natürlich. Die peinlichen Bilder eines an sich schon peinlichen Morgens, angereichert mit hämischen Kommentaren, können das globale Dorf für die Betroffenen zur virtuellen Hölle werden lassen. Cyber-Mobbing nennt sich das. Beim neuesten Twitter-Trend "Bedofshame" ist es eindeutig, dass das Persönlichkeitsrecht verletzt wird.
Als ob das nicht genug ist, den Menschen auf Twitter bloßzustellen, der einem sein Intimstes gegeben hat, wird das Ganze noch gesteigert, in dem die Nutzer des Portals "bedofschamebattle.com" abstimmen können, ob ein Bild "Hot or Not" ist. Was die Urheber dazu anstachelt immer heftigere Bilder ins Netz zu stellen.
Wo ist eigentlich die Grenze? Was akzeptieren wir alles im Internet, wenn es um unseren und den Voyeurismus der anderen geht? Was kann man eigentlich noch machen, woran muss man denken, um nicht ungefragt in einer peinlichen Situation abgebildet zu werden, die dann in Windeseile um die ganze Welt verbreitet wird? Heimliche Fotos und Videos am Strand, aus dem Nachbarhaus, vom Ex-Partner, von der Party, nun auch vom ahnungslosen Liebhaber für eine Nacht.
Ja, es lebe Twitter. Dank des Kurzmitteilungsdienstes erreichen uns Nachrichten und Gerüchte aus aller Welt blitzschnell. 175 Millionen Menschen zwitschern global Wichtiges und Unwichtiges und wir nehmen so unmittelbar teil an Ereignissen wie dem Arabischen Frühling. Dass selbst Stars auf diesem Weg eigene Nacktbilder verbreiten, daran haben wir uns gewöhnt.
Aber wir müssen uns endlich der Frage stellen, wie wir die Grenzenlosigkeit und Geschwindigkeit des Internet in unsere Gesellschaft einpassen. Die Gesetze, um die Verletzung von Persönlichkeitsrechten zu ahnden, gibt es ja. Aber es fehlt die moralische Staumauer, die viele von uns selbst an diesem Voyeurismus hindern könnte. Wir schauen nach Sekunden vom Bild wieder weg. Der Betroffene muss mit dem peinlichen Bild im weltweiten Netz ein Leben lang leben. Dieser Diskussion müssen wir uns stellen und dieses der nachwachsenden Generation klar machen.
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