Thilo Sarrazin fehlt jedes Gefühl für die Welt
Mit der Macht der Zahlen ist der Euro nicht zu retten.
Es ist eine steile These: Europa braucht den Euro nicht. Und wie bei seinem Vorgängerbuch "Deutschland schaft sich ab" lässt Thilo Sarrazin auch diesmal die Macht der Zahlen für sich sprechen. Doch entlarvt er damit das krankende System wirklich? Sicher nicht. Schon deshalb, weil Sarrazin diesmal vorsichtiger vorgeht. Er wertet erneut akribisch Zahlen aus und zieht daraus seine Schlüsse - die aber weit weniger brisant sind als seine Thesen zur Integration.
Es ist eine ordentliche Analyse, bringt aber nichts Neues. Sarrazin blickt zurück und darin liegt die Schwäche: Es hilft wenig, in einem Hätte-Wäre-Könnte eine Alternative zu suchen. Der Fehler ist gemacht. Wir müssen damit nun umgehen und eine Lösung finden. Sarrazin bietet aber keine Lösung an. Er sagt nicht, ob er für oder gegen eine Auflösung des Euro ist. Wenn man dem Buch einen Vorwurf machen kann, dann der, dass es unentschieden ist und widersprüchlich. So ist die Staatshilfe einer Zentralbank einmal eine gute und dann wieder eine schlechte Sache.
Der größte Zündstoff bietet jedoch Sarrazins Fazit zur deutschen Geschichte: Dass die EU und der Euro einem politischen Willen entsprungen sind und nicht einer reinen ökonomischen Vernunft, wird kaum einer widersprechen: Natürlich entspringt die deutsche Vorreiterrolle für die europäische Integration aus der Verantwortung für den Zweiten Weltkrieg. Das steht aber bereits in jedem Schulbuch. Dass Eurobonds deshalb eine Art Ablasshandel für den Holocaust seien, ist eine Sarrazinische Zuspitzung, die man auf die Kurzformel Stuss bringen kann.
Sarrazin will den Geburtsfehler des Euro mit Statistiken beweisen, doch es geht in der Krise nicht mehr nur um Zahlen, es geht - wie übrigens auch beim Thema Migration - um Emotionen und denen hat sich Sarrazin mit seiner Zahlenhuberei gekonnt verschlossen. Sein Fazit: Zahlungen an die Griechen einstellen, sollen die Banken selber sehen, wie sich helfen.
Warum die Rettung einer Bank vor der Pleite aber nicht nur eine Rechenübung ist, dafür liefert er selbst ein Beispiel aus seiner Zeit als Finanzsenator in Berlin: "Welche Kleinunternehmen wären in den Abgrund gerissen worden? Wie viele Arbeitsplätze hätte das gekostet? Ich brauchte nicht lange, um von solchen Überlegungen Abstand zu nehmen." Es ist ein Szenario, dass auch in Athen droht und deren menschliche Auswirkungen bis in die Sarrazinischen Nordländer schwappen dürften. Doch für derartigen Gedankenspiele hat er zwischen all seinen Zahlen offensichtlich das Gefühl verloren.
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