Ein kreativer Strubbelkopf
Boris Johnson war bei Londoner Bürgermeister-Wahl Favorit.
Der Urenkel eines türkischen Nationalisten und Ururenkel einer württembergischen Prinzessin heißt eigentlich Alexander Boris de Pfeffel Johnson. Wenn er in London mit dem Fahrrad um die Ecke biegt und die Menschen "Boris, Boris" rufen, wirkt er wie eine Alternativversion der Queen. Nur umgänglicher, und statt am farbigen Hut am blonden Strubbelhaar erkennbar.
Er kann Seiten lang Plato zitieren. Noch besser sind seine witzigen Reden. Bei der Olympia-Übergabe in Peking erklärte er verblüfften Chinesen, Tischtennis heiße "Wiff-Waff" und sei an Englands Dinner-Tafeln erfunden worden. Vor vier Jahren verdrängte er den "roten" Ken Livingston aus dem Amt des Londoner Bürgermeisters. Livingstone, von einem Leben in den Grabenkämpfen der Londoner Lokalpolitik gestählt, galt als unschlagbar. Johnson, damals Unterhausabgeordneter, bewarb sich vor allem, um seinem Parteichef Cameron zu entkommen, der ihm die Beförderung verweigerte. "Wie verzweifelt müssen die Tories sein, wenn sie diesen Clown aufstellen", schrieb der "Guardian".
Doch dann stellten die Londoner im Duell Livingston gegen Johnson Unkonventionalität, Witz und Promikult über die politischen Rezepte des alten Haudegens. Gestern, beim Replay, war es letzten Hochrechnungen zufolge wieder so. Damals lagen die Tories im Aufwind und Boris' Wahlsieg war der Vorbote des Wechsels zu den Konservativen. Gestern gab es bei den britischen Kommunalwahlen einen Riesendenkzettel für die Regierung - wegen Rezession, Sparprogramm, Steuersenkungen für Reiche und Steuererhöhungen für Rentner. Johnson gewann Profil, indem er sich bei jeder Gelegenheit von Premier Cameron absetzte. Gab dieser die Parole aus, nicht über Europa zu sprechen, forderte Boris ein EU-Referendum. Drosch Cameron auf die Banken ein, reiste Boris nach Brüssel und warb für die Finanzindustrie. 2015 will sich Boris wieder ins Unterhaus wählen lassen. Auch das ist eine Drohung an den Premier. Nach der gestrigen Wahlschlappe fordert die Tory-Parteibasis, dass Cameron nun konservative Politik macht: "So, wie Boris". MATTHIAS THIBAUT




















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