Risse in den Bastionen des Wohlbefindens
Vom Ende einiger Kreuzfahrten und vom Rudern.
Jede Zeit hat ihre Zeichen. Vielleicht ist es ja purer Zufall, dass innert kurzer Zeit zwei Kreuzfahrtschiffe in schwere Bedrängnis kamen. Dass einige Kreuzfahrer sogar starben. Und das in Rufweite einer Küste. Aber das ändert nichts an der fast heraldischen Symbolkraft dieser Ereignisse.
Man muss einmal selbst auf einer dieser Bastionen des Wohlbefindens gereist sein, um das Ausmaß des Schreckens zu verstehen, dem die Passagiere der Costa-Schiffe plötzlich ausgesetzt waren. So man einen ordentlichen Kahn gewählt hat und in einer Außenkabine mit Balkon logiert, sind die frische Luft und der weite Blick schon die ersten Befreiungen.
Es folgt eine Mischung aus Genuss und Mühelosigkeit, die rasch süchtig machen kann. Wer hat schon in einem Hotelzimmer gelebt, das wochenlang samt Gepäck brav hinter ihm herfährt? Auf den gastronomisch interessierten Gast lauern permanent Delikatessen. Einzunehmen am Sonnendeck oder im klimatisierten Speisesaal. Bald wird die Selbstabholung am Buffet zur Zumutung.
Die Zeit an Bord verbringt man wahlweise im Liegestuhl, in der Bibliothek, im Vortragssaal oder im Casino. Das Kabinenprogramm bietet Musik, Spielfilme, Nachrichten ohne Ende. Und das alles verlässlich, täglich, sicher. Man könnte sagen: Eine Kreuzfahrt ist die Apotheose des Wohllebens. Wie auf einem anderen, paradiesischen Planeten.
Mit etwas Fantasie könnte man den Wohlfahrtsstaat, der Mitte des vorigen Jahrhunderts Segel setzte, mit einer Kreuzfahrt vergleichen. Die Wunden des scheußlichen Krieges wurden mit neuen, nie gekannten Sicherheiten gesalbt. Krankenvorsorge für alle, Mindestrente, Wohnbeihilfe, Ehegeld, Kindergeld, Bausparen, Bildungszugang, Mehrdienstzulagen, Bausparprämien, Frühpensionen, Schrottprämie(!).
Bald füllte sich auch das Casino, Börse genannt. Zweistellige Renditen galten als selbstverständlich. Kredite wurden von den Banken feilgeboten wie verbilligte Restware.
Und dann das: Zweistellige Minusrenditen, minimierte Sparzinsen, schrumpfende Lebensversicherungen, gestutzte Bausparprämien, unsichere Pensionen.
Auf der Costa Concordia traf offenbar den Kapitän die Schuld, auf der Allegra war es aber ein Systemversagen. Auf dem Finanzsektor haben auch erst die Kapitäne und dann das System versagt.
Die Welt, wie wir sie kennen, ändert sich, vormalige Gewissheiten zerbröseln. Wenn wir mittelfristig heil bleiben wollen, müssen wohl auch wir uns ändern und rudern statt kreuzfahren.
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