Feinmechaniker an der Theateruhr
Roland Schimmelpfennigs "Das fliegende Kind" hat heute in Wien Premiere.
Seine Stücke sind komplexe Partituren. Die Melodien lyrisch bis grotesk. Die Tonarten in Dur und Moll, weil für ihn das Theater vom Lachen und Weinen lebt. Roland Schimmelpfennig ist einer der meist gespielten und auch einer der spannendsten Dramatiker der Gegenwart. Heute Abend inszeniert er im Akademietheater Wien die Uraufführung seines jüngsten Stücks "Das fliegende Kind", ein poetisches Requiem, gesungen auf ein junges Unfallopfer, von dem nichts bleibt als ein Stiefel im Rinnstein und die Erinnerung.
Der deutsche Autor und Regisseur ist dem Burgtheater schon länger stark verbunden. Dort inszenierte er unter anderem in Matthias Hartmanns erster Intendanten-Saison "Der goldene Drache": Das tiefgründige Gesellschaftspanorama von Fremdsein, Leistungsdruck und sexuellem Wahn wurde zum umjubelten Ereignis, war zum Theatertreffen in Berlin eingeladen und erhielt den Dramatikerpreis 2010 der Mühlheimer Theatertage.
1967 in Göttingen geboren, hatte Schimmelpfennig zunächst als Journalist in Istanbul gearbeitet, ehe ihn die Bühnenwelt lockte: Regiestudent an der Falckenberg-Schule in München, Regieassistent an den Münchner Kammerspielen, Dramaturg an der Berliner Schaubühne. Seit 1996 ist er - mit Zwischenstation in den USA - als freier Autor tätig. Mehr als 30 Theaterstücke sind bisher erschienen und werden in mehr als 40 Ländern weltweit gespielt. Schimmelpfennig, der auch Hörspiele, Essays oder ein Opernlibretto (für Jörg Widmanns Klon-Parabel "Das Gesicht im Spiegel") verfasste, weiß also längst, wie die Theateruhr tickt, und schraubt auch als Regisseur mit Akribie an deren Feinmechanik.
"Der Dramatiker ist nie klüger als der Rest der Welt", gibt sich Schimmelpfennig, mit der mexikanischen Autorin Justine Del Corte verheiratet und Vater zweier kleiner Töchter, in einem Gespräch mit der FAZ keinen Illusionen hin. Dennoch verdichtet er fast manisch schreibend immer neue Erfahrungen - Dichtung und Klarheit, wenn man so will. Im Zentrum seiner Texte: "Die Liebe, Grundmotor unseres Handelns, und alle Nebengeräusche, wie Hass oder Lüge". MICHAEL TSCHIDA





















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