Auf die Ägypter wartet die große Kraftprobe noch
Ernüchterung ist der Hoffnung gewichen.
Am Jahrestag der ägyptischen Revolution marschierten viele Menschen bei Sternmärschen mit. Wie schon vor einem Jahr sammelten sich junge Ägypter zu Zehntausenden am Tahrir-Platz. Die meisten waren schon im Vorjahr dabei, wollten diesmal voller Stolz an den von ihnen erzwungenen Umsturz erinnern. Doch dann eskalierte die Lage und aus dem friedlichen Protest wurde wütende Gewalt im Herzen von Kairo.
Die Wut richtet sich gegen den regierenden - ja wohl eherherrschenden - Militärrat. Zurecht. Denn der ist auch ein Jahr nach dem Sturz von Ex-Präsident Hosni Mubarak der entscheidende Faktor in Ägyptens Politik. Die Menschen sind unzufrieden, weil die Generäle die Macht noch immer nicht abgegeben haben, auch wenn sie Generäle versprochen haben, dies nach den Präsidentenwahlen im Juni teilweise zu tun. Viele Aktivisten halten dies für einen Verrat an der Revolution gegen das zuvor herrschende Regime. Denn die Demonstranten sehen im Militärrat eine Fortführung der Politik Mubaraks und halten eine erneute Revolte für notwendig. Ernüchterung ist der Hoffnung gewichen.
Denn die Revolution hat kaum etwas geändert im politischen wie auch täglichen Leben. Viele Ägypter sagen sogar, mit dem Land gehe es bergab. Die Wirtschaft stockt, die Preise steigen, Streiks, Demonstrationen und Polizeigewalt schaffen Instabilität. Die Spitze des Staates ist nach wie vor unbeweglich, eine Junta betagter Generäle hat lediglich einen alternder Autokraten ersetzt und dessen Politik leicht modifiziert. Die Medien werden noch immer weitgehend von der Regierung kontrolliert, Oppositionelle ins Gefängnis geworfen und misshandelt und auch in Wirtschaft und Verwaltung hat sich bisher wenig bewegt.
Auch die Abrechnung mit dem alten System kommt nicht in die Gänge: Prozesse gegen Mubarak und seine Getreuen werden ständig verschleppt. Bis heute wurde kein einziger Polizist zur Rechenschaft gezogen, der beim Aufstand Demonstranten erschoss.
Ein große Kraftprobe wartet aber auch im Umgang innerhalb der Gesellschaft: Während des Aufstandes gegen Mubarak spielten die Frauen eine große Rolle, jetzt werden sie wieder an den Rand gedrängt. Am Jubiläumstag zeigte sich mehr als deutlich: Aktivisten berichteten von sexuellen Übergriffen auf mehrere Frauen im Gedränge der Demonstrationen. Eine Ausländerin wurde sogar entkleidet und fast vergewaltigt. Allein diese hässlichen Bilder zeigen: Ägypten steht auf dem Weg zur Demokratie ein langer Weg bevor.
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