Putin hält sein Volk für dumm und klein
Und der nach Gas hungrige Westen spielt mir.
Es gibt einiges, das Wladimir Putin gut beherrscht, aber ganz besonders ist es das Spiel mit der Angst. An die Macht kam er vor elf Jahren, nachdem Wohnhäuser in Moskau explodiert waren und er in einem neuen Krieg in Tschetschenien unter Beweis stellen konnte, dass er erstens ein starker Mann ist und, zweitens, Russland genau das braucht.
Jetzt, vor der nächsten Parlamentswahl, geht das Angst-Spiel in eine neue Runde. Angesichts der bevorstehenden Krise - die nach russischer Diktion eine rein westliche ist - brauche es weiter Stabilität und natürlich Putin. Nachdem das alleine den Umfragen zufolge bei den Bürgern zu wenig zieht, werden sie vom Bahnhof bis in die Metro dauerbeschallt mit angeblichen Gefahren: Achtung! Sie könnten auf die Gleise stürzen! Das hat etwas hilflos Lächerliches in einem Land, dessen Bürger in den vergangenen 20 Jahren nicht nur zwei Währungskrisen, sondern den Zusammenbruch des gesamten Staatswesens verdaut haben.
Putins Selbstinszenierung als Stabilitätsfaktor ist Teil der Wahl-Show, mit der er versucht, sein selbstbewusster gewordenes Volk für dumm zu verkaufen. Tatsächlich ist es ihm in den ersten Jahren als Präsident gelungen, wieder mehr Struktur ins Chaos zu bringen. Doch der Preis ist hoch: Die Strukturen, auf die sich Putin stützt, ähneln den autoritären der Vergangenheit. Das gesamte, immer stärker zentralisierte System ist auf Putin zugeschnitten; die unter Jelzin nach demokratischen Vorbild aufgebauten Institutionen werden umgangen. Die Regierenden kontrollieren sich selbst; die Korruption hat einen neuen Höhepunkt erreicht.
Sollte Putin weitere zwölf Jahre Präsident bleiben, wäre er länger an der Macht als Breschnew - und könnte an ähnlichen Problemen scheitern. Die Unfähigkeit, Reformen durchzuführen und zu erkennen, wann es Zeit ist, zu gehen, zeigt wie verkrustet und erstarrt das System ist, das sich immer weiter von der Wirklichkeit seiner Bürger entfernt. Dass ausgerechnet Putin der Mann sein soll, der Russland durch die Krise führt, lässt leider wenig Erfolg erwarten.
Der Westen macht in all dem keine gute Figur. Dabei ist es nicht nur so, dass wir Gas brauchen. Russland braucht auch Abnehmer. Doch aus dem Glauben, sich aufgrund der Abhängigkeit mit Moskau gut stellen zu müssen, nimmt man dem Land die inszenierte Demokratie-Fassade einfach ab. Am Sonntag, nach Ende eines unfairen Wahlkampfes und einer voraussichtlich gefälschten Wahl, bietet sich eine gute Gelegenheit für mehr Aufrichtigkeit.
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