Erstarkten Islamismus in Tunis nicht dämonisieren
Die Machtverhältnisse entspringen dem Volkswillen.
Die ersten freien Wahlen nach der Revolution in Tunesien im Jänner 2011 dürfte eine Signalwirkung haben. Der haushohe Sieg der Islamisten in dem nordafrikanischen Land zeigt, wohin die Reise in den Ländern des "arabischen Frühlings" geht. In Richtung islamische Staatsgebilde, in denen die Religion zweifellos größeren Einfluss als bisher auf die Politik haben wird.
Das deutet sich nicht nur in Tunesien an, wo gerade über die Verfassungsgebende Versammlung mit 124 Mitgliedern abgestimmt wurde, welche die Weichen für die Zukunft des Staates stellen wird. Sondern genauso in Libyen und Ägypten, wo die islamischen Strömungen bei den versprochenen, aber noch ausstehenden demokratischen Wahlen ebenfalls ein wichtiger Machtfaktor sein werden.
Eine Überraschung ist der Aufstieg der Islamisten in Tunesien übrigens nicht. In einem Staat, in dem sich 99 Prozent der Bevölkerung zum islamischen Glauben bekennen. Und in dem der verjagte Diktator Ben Ali nicht nur Freiheit und Menschenrechte, sondern auch die Grundprinzipen der Religion mit den Füßen getreten hatte.
Nun liegt es an den künftigen Tonangebern in Tunesien zu beweisen, dass die Sorge vor einer Radikalisierung oder sogar vor einem Gottesstaat auf der anderen Seite des Mittelmeeres unbegründet ist. Islamistenführer Rachid Ghannouchi, Chef der vorne liegenden Ennahda-Bewegung, verspricht einen "moderaten" islamischen Staat. "Unsere Religion wird immer wieder als antidemokratisch bezeichnet, mit Gewalt und Terrorismus gleichgesetzt. Wir werden als Feinde der Kunst, der Schönheit, der Frauenrechte bezeichnet. Das ist falsch", sagt Ghannouchi. Ennahda sei eine friedliche Bewegung und verteidige "das Recht von Frauen und Männern, ihren Lebensstil zu wählen". Es werde entsprechend in Tunesien auch "kein Kopftuchzwang" oder sonstige Kleidungsvorschriften geben. "Wir sind gegen den Extremismus." Und:
Diesem Gelöbnis von Rachid Ghannouchi sollte die Welt, bei aller Skepsis, eine Chance geben. Und nicht den erstarkenden Islamismus, der keineswegs mit Fundamentalismus gleichzusetzen ist, voreilig dämonisieren Denn die neuen Machtverhältnisse in Tunesien entspringen jenem Volkswillen, den Europa so euphorisch als Revolution feierte. Auch wenn der Weg zu einer stabilen Demokratie noch ein langer sein wird, wie die Ausschreitungen nach der Bekanntgabe der Wahlergebnisse deutlich vor Augen führen.
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