Der falsche Zeitpunkt, die falschen Worte
Die Ära Schüssel: Ein bitterer Abschied ohne Einsicht.
Das war nicht das, was man einen starken Abgang nennt. Um einen souveränen Schlusspunkt hinter eine lange Karriere als Spitzenpolitiker zu setzen, hätte Wolfgang Schüssel viel früher Abschied nehmen müssen. So bleibt das Bild des galligen, wohlgelittenen Hinterbänklers, der seinen Verdruss über das, was sich um ihn darbot, nur schwer verbarg, und der sich am Ende dem stummen Drängen seiner Partei beugte. Schüssel schied im Wissen, für die Partei zur Hypothek geworden zu sein. Das muss für einen, der seine Politik mit einem so ausgeprägten Sendungsbewusstsein unterlegte, eine schmerzhafte Erfahrung sein.
Aber es war nicht nur der falsche Zeitpunkt, der dem Abgang etwas Tragisches verlieh. Es waren auch die falschen Worte. In ihnen spiegelte sich noch einmal die Schwäche dieses hoch veranlagten Politikers: Schüssels eklatanter Mangel an Irritation sich selbst und seinen Haltungen gegenüber, seine gnadenlose Unfähigkeit zu Einsicht und Selbst-Skepsis. Nach allem, was man über die Herren Strasser, Grasser oder Gorbach weiß, zu sagen, man stehe auch heute zu seinen Personalentscheidungen, ist unannehmbar.
Und es ist auch unredlich von Schüssel, zu behaupten, der Pfad der Untugend sei, wenn überhaupt, von den Genannten erst nach der Regierungszeit beschritten worden. Diese Abtrennung dient der Selbstentlastung, aber nicht der Wahrheit. Ohne Ausübung öffentlicher Ämter wären die im Raum stehenden Fehltritte gar nicht machbar gewesen. Das gilt für die Causa Buwog ebenso wie für die Telekom-Affäre oder den Bestechungsfall Strasser. Und wenn man weiß, was im Umfeld dieser Herrschaften alles ruchbar geworden ist, dann ist spätestens jetzt nur eine Erkenntnis zulässig: dass diese Politiker für ein Spitzenamt dieser Republik moralisch nicht befähigt waren, und zwar unabhängig davon, welche Urteile die Gerichte fällen mögen.
Die Korruptionsfälle verdüstern die Ära Schüssel und die Bilanz seines schwarz-blauen Bündnisses, das in der Rezeption bis heute umstritten bleibt. Schüssel bewies Gestaltungswillen und Widerstandskraft gegenüber dem Boulevard. Er dachte über das Land hinaus und hatte eine Idee von ihm, bis er zuletzt nur noch eine Idee von sich hatte ("Dem Land geht es gut"). Er ließ zu, dass Unkultur und Eigennutz einsickerten. Der problematische Partner kam dehydriert zu den Trögen. Schüssel zog einen Schutzwall um sein verfemtes Kabinett und wehrte die äußeren Gefahren ab. Jene innerhalb der Festung verlor er aus dem Auge. Das war sein Verhängnis.
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