Von Gehirnverlagerung und roher Gewalt
Einstweiliger Bilanzversuch im Fall Strauss-Kahn.
In dubio pro reo - Im Zweifel für den Angeklagten. Das ist die vermutlich wichtigste Regel zivilisierter Rechtsprechung. Auch wenn aus ihr möglichen Opfern immer wieder Ungerechtigkeit erwächst.
Nun hat die New Yorker Staatsanwaltschaft an der Glaubwürdigkeit des Zimmermädchens Nafissatou Diallo so große Zweifel, dass sie die Anklage gegen Dominique Strauss-Kahn fallen ließ. Der wird sich vermutlich alsbald nach Paris zurückverfügen, wo ihn die nächste juristische Konfrontation wegen einer länger zurückliegenden angeblichen Sex-Attacke erwartet. Es gilt die Unschuldsvermutung.
Ziehen wir eine erste Bilanz aus dem Fall DSK. Lässt sich daraus etwas lernen? Eher wenig. Dass sich in gewissen Momenten selbst bei hochintelligenten Männern ein Großteil der Hirnmasse in den Penis verlagert, ist nicht neu. Man denke an Bill Clinton im Oral Office.
Dass vermeintliche Allmacht zu zeitweiliger Bewusstseinstrübung führen kann, ist ebenfalls bekannt. Was immer zwischen dem Testosteronrowdy und seinem (immer noch) mutmaßlichen Opfer geschehen ist, hätte sich, nach allem, was darüber bekannt ist, vermutlich mit weniger Geld aus der Welt schaffen lassen, als DSK jetzt für eine Stunde anwaltlicher Beratung zahlt. Das soll keine Verharmlosung sein: Persönliche Würde darf weder geraubt, noch sollte sie abgekauft werden.
Aber Geld spielte in der Folge eine Hauptrolle in diesem Fall: Weltweit widmeten sich die Medien dem Fall, schrieben Auflagen treibende Grundsatzgeschichten über Macht, Sex und Gewalt. An DSKs Anwälte flossen zweifellos sechsstellige Dollarsummen. Und falls Nafissatou Diallo einen halbwegs gewieften Medienberater hat, wird sie in der ganzen Causa mehr verdienen als in zehn Jahren Putzdienst. - Das klingt bizarr, ist aber ein Faktum.
Definitiver Verlierer ist vorerst DSK: Besonders, wenn den Anschuldigungen der Journalistin Tristane Banon, der er im buchstäblichen Sinn brutal an die Wäsche gegangen sein soll, mehr Substanz beigemessen wird als derzeit in New York.
Das notorische Laissez faire der Franzosen bei diesem Thema wird ihn vermutlich nicht ins Gefängnis bringen. Der Weg in den Elyseepalast sollte aber gesperrt sein. Denn anders als Bill Clintons mundfertige Gespielin Monica Lewinski, berichtet Tristane Banon von definitiver Gewalt. Das ist eine unakzeptable Mischung.
Außerdem: Wer möchte schon einen Mann als Präsidenten, der sich seine erotischen Abschweifungen mit roher Kraft holen muss?
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