Gaddafis Ende naht, die Geschichtslüge beginnt
Bald werden die Sieger Gaddafi beurteilen.
Das Psychogramm von Muammar Gaddafi wird demnächst gezeichnet werden müssen. Dafür ist aber nicht unwesentlich, wie das Ende der Kämpfe um die Hauptstadt Tripolis und somit um die künftige Macht in Libyen ausgeht. Wird der "Bruder Revolutionsführer", der sich seit 42 Jahren an die Macht klammert, tatsächlich seine Ankündigung wahr machen und bis zum letzten Blutstropfen kämpfen? Gemeint hat er damit nie allein sein eigen Blut, das eines "kampfgewohnten Beduinen", sondern gemeint hat er damit auch das Blut seiner Untertanen. Gleich, ob sie ihn noch verehren oder hassen - sie alle sollen untergehen, wenn er untergeht.
Die Möglichkeiten dazu hätte Gaddafi. Auch wenn er mit seinen Truppen zuletzt schwere territoriale Verluste hat hinnehmen müssen, so verfügt er noch immer über eine ausreichend große Zahl von Scud-Raketen, um wenigstens Tripolis in Schutt und Asche zu legen.
Erinnert uns das nicht an Nero, der Rom untergehen lassen wollte, weil es in seinen Augen unwürdig war? Oder an Adolf Hitler, der im Führerbunker faselte, dass Deutschland ihn nicht verdient habe?
Wie gesagt, das Psychogramm des Irren aus Tripolis wird noch zu schreiben sein. Aber so viel ist jetzt schon klar: Es wird - wie übrigens jede Kriegsgeschichte - von den Siegern verfasst werden. Es wird dann davon die Rede sein, dass Gaddafi dreist genug war, jahrelang den internationalen Terror zu unterstützen, um diesem 2003 völlig überraschend abzuschwören. Es wird dargestellt werden, dass er seine skurrile ideologische Mischung aus Volksrepublik und Monarchie zunächst im linken Ideologiespektrum angesiedelt hat, um dann in einem undefinierbaren islamischen Fundamentalismus zu enden.
All dem wird man zustimmen können. Und doch bleiben Fragen offen. Etwa jene, warum die Koalition jener Staaten, welche die Rebellen unterstützt haben, mehrfach beteuert hat, Gaddafi nicht stürzen zu wollen. Hat Barack Obama so wenig Ahnung von der arabischen Welt, dass er geglaubt hat, für Gaddafis Entmachtung die Menschen von Marokko bis in den Irak erneut zu provozieren?
In dem Psychogramm wird auch die Wortspende des ehemaligen tschechischen Staatspräsidenten Vaclav Havel nicht erörtert werden, der gesagt hat: "Ich und auch die ganze übrige Welt haben Gaddafi als einen Clown betrachtet. Und die ganze Welt hat sich geirrt. Es hat sich gezeigt, dass er ein gefährlicher Verbrecher ist." Wie wahr - vielleicht genügt es nicht, allein Gaddafis Psychogramm zu verfassen.
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