Skandale vertreiben die Schäfchen
Alleine in den ersten drei Monaten des Jahres 2010 sind 1893 Kärntner aus der Kirche ausgetreten.

Foto © APLeere Kirchenbänke sind nur zu oft keine Seltenheit mehr
Mit bis zu 3000 Kirchenaustritten rechnet die katholische Kirche alleine in diesem Jahr - vorausgesetzt, die Welle der Austritte flacht in den kommenden Monaten nicht ab. Als Grund geben die meisten Katholiken die Skandale der letzten Wochen an. Ein Muster, das sich schon in den vergangenen Jahren zeigte. Immer, wenn die Kirche in eine Krise schlitterte, kehrten ihr entfremdete Schäfchen endgültig den Rücken.
1995: Hans Hermann Kardinal Groer wurde vorgeworfen, Schüler sexuell belästigt zu haben. Im Nachrichtenmagazin "Profil" berichtete ein ehemaliger Schüler Details der sexuellen Übergriffe. Nach ihm meldeten sich noch weitere Ex-Schüler. In diesem Jahr stieg die Zahl der Kirchenaustritte in Kärnten von durchschnittlich 1000 pro Jahr auf 1550.
2004: Die Äußerungen Kurt Krenns brachten das Fass zum Überlaufen. Der Bischof der Diözese St. Pölten wurde beschuldigt, dass er innerhalb des Priesterseminars seine Aufsichtspflicht verletzt habe. Homosexuelle Beziehungen zwischen den Seminaristen wurden bekannt, auf Computern der Priesterseminaristen wurden rund 40.000 Fotos und zahlreiche Videos mit abartigen Sexdarstellungen gefunden. Einer der angehenden Seelsorger wurde letztlich sogar zu einer halbjährigen Bewährungsstrafe verurteilt. Krenn selbst ignorierte die Vorwürfe zu Beginn, später bezeichnete er die Vorgänge als "Buben-Dummheiten". Dieser Vorfall war der Grund, weshalb 2005 alleine in Kärnten 2570 Leute aus der Kirche ausgetreten sind.
2010 wurde die Kirche einmal mehr von ihrer dunklen Vergangenheit eingeholt. Viele Opfer trauten sich in diesem Jahr ihre erschütternden Geschichten der Öffentlichkeit preiszugeben. Ausgehend von Irland, wo sexuelle und gewaltsame Übergriffe von Priestern an ihren Schülern bekannt wurden, meldeten sich auch in Österreich hunderte Missbrauchsopfer. Im ersten Quartal kehrten 1893 Kärntner der katholischen Kirche den Rücken zu. Zum Vergleich: Im Jahr zuvor waren es im gleichen Zeitraum 987 Kärntner, die aus der Kirche ausgetreten sind - um 93,5 Prozent weniger.
Doch gleichzeitig zu den Austritten gibt es auch eine wachsende Anzahl von Katholiken, die eine Erneuerung der Institution fordern. Die österreichische Laien-Initiative "Wir sind Kirche" forderte bereits 1995 die Gleichberechtigung von Frauen in der Kirche und die Abschaffung des Zölibats. Eine Forderung, der sich mittlerweile sogar eine Vielzahl von Priestern angeschlossen hat. Ob es zu einem dritten Vatikanischen Konzil kommen wird? Die Austrittszahlen fordern es geradezu ein.



























