Rampen, Rillen und Rollstuhlrallye
Ich, Herbert Villefort, sitze seit meiner Kindheit im Rollstuhl. Ich nehme das nicht als Behinderung wahr. Aber auf jedem Ausflug warten auf mich viele Hindernisse und Hürden. Etwa wenn ich nach Graz will.

Foto © STANRollstuhlrallye mit Hindernissen: Herbert ist auf der Fahrt von Deutschlandsberg nach Graz ständig auf die Hilfe anderer angewiesen
Stefan schwitzt, Alex stöhnt, der Schaffner schnauft. Nur ich sitze entspannt in meinem Rollstuhl, als mich mein Schulkollege, mein Betreuer und der GKB-Bedienstete in Deutschlandsberg in den Zug hieven. Drei Stufen können sehr hoch sein, wenn man im Rollstuhl sitzt und auf andere angewiesen ist. Vor allem für jene, die schleppen.
Im Rahmen des Projektes "Schüler machen Zeitung" wollten meine Schulkollegen und ich testen, ob es mir möglich ist, mit dem Zug einen Ausflug nach Graz zu unternehmen. Zuerst mussten wir zwei Tage vorher am Deutschlandsberger Bahnhof anrufen, um das Personal über unseren geplanten Ausflug zu informieren. Wir würden Hilfe benötigen.
Am Bahnhof erwartet uns jedoch nur ein Schaffner, sodass meine Schulkollegen mit anpacken müssen. Mit großer Anstrengung heben mich drei starke Männer in den Zug. Weniger anstrengend ist die Bahnreise selbst: freundliches Personal, genügend Platz für den Rollstuhl. Das Fahren mit der GKB ist überraschend angenehm. Ebenso wie der Ausstieg in Graz: Eine mobile Rollstuhlrampe steht bereit, niemand muss schwitzen, stöhnen, schnaufen.
"Wow, super!" Mehr als zehn Jahre bin ich nicht mehr mit der Bahn gefahren. Nun freue ich mich darüber, dass ich ohne Probleme mit dem Lift in die Bahnhofshalle und dort sogar in ein barrierefreies Lokal rollen kann. Keine Stufen, Kanten, kaum Erhöhungen. Rock 'n' Roll.
"Hilfe" in den Öffis
Die Ernüchterung erfolgt bei der Straßenbahn. Niederflurbahnen sollen mir und anderen Behinderten die Benutzung der Straßenbahn ermöglichen. Bei der ersten bekommen wir eine bissige Antwort aus der Fahrerkabine: "Wenn ich die Rampe jetzt herunterlasse, kann ich gleich die Werkstatt anrufen und halte den ganzen Straßenbahnverkehr auf. Warten Sie auf die nächste Straßenbahn!" Auch die zweite Antwort ist negativ. Zumindest ist der Tonfall freundlicher. Da wir keine Lust haben, auf eine weitere Straßenbahn zu warten, beschließen meine Schulkollegen kurzerhand: "Wir heben Herbert in die Straßenbahn."
Einen Kraftakt später - meine Freunde heben mich wieder aus der Bim - stehen wir am Grazer Hauptplatz. Um dort zu beginnen, öffentliche Gebäude und Geschäfte auf ihre Rollstuhltauglichkeit zu überprüfen. Mehr als 50 Testobjekte später wissen wir: behinderten- und nicht behindertengerechte Geschäfte halten sich die Waage.
Lobend hervorzuheben ist das Großkaufhaus "Kastner & Öhler": Rampen, Lifte, viel Platz. "Es ist schwierig, alte Gebäude barrierefrei zu gestalten", erklärt die Verkaufsleiterin Silvia Gugel. Keine Zeit zum Shoppen, weiter auf ein warmes Getränk. Und das ist nicht so einfach - viele Lokale am Hauptplatz sind schwer zugänglich und eng. Zumindest in die Filiale eines "Kaffeerösters" in der Innenstadt kommen wir problemlos hinein.
Stimmungsschwankungen
Einige Minuten später ist die gute Stimmung wieder im Keller: Um in ein Ärztehaus zu gelangen, ist zwar ein Lift vorhanden, zunächst müssen aber 15 Stufen überwunden werden. Ich bin enttäuscht und sogar wütend. Shoppen kann ich online auch, aber einen Arzt kann ich über das Internet nicht besuchen.
Und die Heimfahrt? Ein ähnliches Bild. Die Straßenbahnen sind schwer zu erklimmen. Dafür steht am Bahnhof eine Rampe bereit, die wir 20 Minuten vorher bestellt haben. Zu Hause beim Bahnhof in Frauental helfen mir meine Eltern aus dem Zug.
Was ich von diesem Tag mitgenommen habe: Ohne Freunde ist Graz schwer erreichbar, seinen Durst kann man nicht überall löschen und krank werden sollte man auch nicht. Zumindest nicht als Rollstuhlfahrer. Es muss sich noch viel tun.
Features
EIN SELBSTVERSUCH
Herbert Villefort, Schüler der Handelsakademie Deutschlandsberg und auf den Rollstuhl angewiesen, fuhr mit acht Klassenkollegen und seinem Betreuer mit öffentlichen Verkehrsmitteln von Deutschlandsberg in die Grazer Innenstadt.
Dabei sollte hautnah herausgefunden werden, wie barrierefrei Bahnhöfe, öffentliche Verkehrsmittel, Geschäfte und Amtsgebäude in Graz sind.
DREI FRAGEN AN ...

Siegfried Suppan ist als Behindertenanwalt in Graz tätigGrafik © KK
Siegfried Suppan
1. Was sind Ihrer Meinung nach
die größten Probleme, mit denen
Behinderte kämpfen?
SUPPAN: In den vergangenen
Jahren wurde schon sehr viel
verbessert. Bei den Straßenbahnen
aber gibt es nur Anzeigetafeln
und keine Ansagen. Das ist
eine große Barriere.
2. Was soll auf Bahnhöfen und
bei öffentlichen Verkehrsmitteln
an Behindertenausstattung
vorhanden sein?
SUPPAN: Es sollte einen freien
Zugang zum Bahnsteig geben,
Leitlinien für Blinde sowie eine
barrierefreie Toilette. Auch die
Schrift an Anzeigetafeln sollte
so groß sein, dass sich auch ein
Sehbehinderter orientieren
kann. Für Menschen mit Lernschwächen
müsste alles in
leicht verständlicher Sprache
verfasst sein. Leider ist bei vielen
Dingen noch nichts passiert.
3. Was tut das Land Steiermark
für Barrierefreiheit?
SUPPAN: Es gibt einen Landtagsbeschluss,
wonach bis 2010 alle
öffentlichen Gebäude barrierefrei
sein müssen. Und ein Amt
für barrierefreies Bauen.
CORINNA AMBROS, STEFAN WROLLI, ANGELIKA KAINZ
Zum Thema "Behinderung"
Die Zeitungsseiten zum Downloaden (PDF)
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