Jean-Marc Ayrault, Frankreichs Premierminister, im Porträt
Als Fels in der Brandung hat Ayrault den Parteifreunden im Parlament Halt und Orientierung gegeben.

Foto © APJean-Marc Ayrault
Frankreichs 2012 gewählter, neuer Präsident hat sich den Premier gesucht, der zu ihm passt. Anders als François Hollande rühmt sich Jean-Marc Ayrault zwar nicht seiner Normalität. Aber der Deutschlehrer, der in den vergangenen 15 Jahren sowohl als Bürgermeister von Nantes wie auch als Fraktionschef der Sozialisten in der Nationalversammlung zu überzeugen wusste, könnte es guten Gewissens tun. Charisma besitzt er nicht. Als kühner Vordenker ist er auch nicht aufgefallen - sieht man einmal davon ab, dass er Mitte der siebziger Jahre als strammer Linker brave Bürger provozierte. Aber der Sohn eines Arbeiters und Enkel eines Bauern bringt mit, was in Krisenzeiten kostbar ist: Geradlinigkeit, Glaubwürdigkeit.
Als Fels in der Brandung hat Ayrault den Parteifreunden im Parlament Halt und Orientierung gegeben. Nie hat er sich von Gruppen vereinnahmen lassen. Ein ums andere Mal haben die Genossen ihn das gelohnt und im Amt bestätigt. In Nantes erging es ihm nicht anders. 1989 war er dort Bürgermeister geworden und ist es geblieben. Wahlen sind ihm seither ein Quell der Freude. Stets erzielt er die absolute Mehrheit. Unter der Führung des Sozialisten brachte es die von der Pleite der Werften gezeichnete Gemeinde zu neuem Wohlstand und gilt heute als eine der attraktivsten Städte Frankreichs.
Von den linksrevolutionären Überzeugungen ist außer dem Vornamen der Tochter wenig geblieben. Er hat sie auf den Namen Isabelle taufen lassen, eine Hommage an die Tochter des kommunistischen chilenischen Präsidenten Salvador Allende. Ob in Nantes oder in der Nationalversammlung: So gradheraus er seine Ansichten vertritt, pragmatisch, kompromissbereit ist er auch. Gute Voraussetzungen scheinen das, um die in Krisenzeiten allfällige Kompromisssuche in Angriff zu nehmen. Den im Vorfeld laut gewordene Vorwurf, dass es Ayrault an Erfahrung in der großen Politik fehle, er in 40 Jahren politischer Arbeit nicht einmal einen Ministerposten erobert habe, muss der neue Regierungschef nicht fürchten. Er kann darauf verweisen, dass er sich in bester Gesellschaft befindet. Für Hollande gilt das gleiche.
AXEL VEIEL, PARIS
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