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Zuletzt aktualisiert: 26.10.2012 um 19:35 UhrKommentare

Fenster der Hoffnung

Microsoft hat lange geschlafen. Nun erwacht der einstige Riese und erfindet mit Windows 8 sein bewährtes Betriebssystem neu - und geht damit eine riskante Wette auf seine eigene Zukunft ein. Denn: Nicht alle werden begeistert sein. Von Sebastian Krause.

Kacheln zur Begrüßung: Gut für Finger, schlecht für Mäuse

Foto © ReutersKacheln zur Begrüßung: Gut für Finger, schlecht für Mäuse

Steve Ballmer schwitzt und schreit. Die Scheinwerfer lassen die kleinen Perlen auf seinem roten Kopf funkeln, sein Hemd ist schweißnass. Er kann Hallen ohne Mikrofon beschallen, die Videos seiner verrückten Auftritte sind moderne YouTube-Legenden.
Der Microsoft-Chef ist für viele zum Sinnbild für Microsoft geworden. Der einstige Alleinherrscher der Computer-Industrie will wieder zurück ins Rampenlicht. Schreiend und schwitzend, wenn es sein muss. Windows 8 soll all das nachholen, was Microsoft in den letzten Jahren verschlafen hat. Ob es funktionieren wird, darüber sind sich Experten uneinig.

Noch vor drei, vier Jahren war es undenkbar, dass sich der Software-Gigant schon bald neu erfinden muss. Doch dann kamen Apple und Google. Ihre Smartphones und Tablets läuteten ein neues Computer-Zeitalter ein, die Ära der PCs ist vorüber. Und Microsoft? Reagierte lange gar nicht – und dann falsch. Schlechte Adaptionen des Windows-Betriebssystems für die kleinen Mobilen brachte dem Konzern Hohn und Spott ein. Heute verdient Apple allein mit dem iPhone mehr als Microsoft mit all seinen Produkten gemeinsam. Bis 2016 werden laut Studien über 75 Prozent der verkauften Computer Tablets mit Touchscreen sein. Höchste Zeit also, sich wieder auf Innovationen zu besinnen - mit der gravierendsten Erneuerung in der Geschichte des Microsoft-Betriebssystems.

Fotoserie: Windows: Wie alles begann und was nun kommt

Windows 8 soll die Verschmelzung der mobilen Geräte mit dem Computer bringen. Nach dem Start begrüßen einen ungewohnte Kacheln. Die viereckigen Symbole stehen für Programme, Musik, Videos und Einstellungen – für Touchscreens macht der neue Look Sinn, die Bedienung ist schon nach Minuten erfreulich intuitiv. Schon fast untypisch für Microsoft: Es macht schlicht Spaß, sich durch die Menus zu wischen und zu schieben. Für Maus und Tastatur ist die Oberfläche jedoch weniger geeignet – aber immerhin ohne weiteres benutzbar.

Mutiger Schritt

Das Betriebssystem soll so den Weg auf die Tablets schaffen und unterstützt erstmals auch deren schwachbrüstigere aber sparsame Prozessoren. "Windows RT" nennt Microsoft diese eigens für Tablets angebotene Variante – sie kommt allerdings völlig ohne dem gewohnten Desktop und PC-Apps aus. Mit "Surface", dem ersten hauseigenen Tablet, steht auch schon der erste Feldversuch in den Verkaufsregalen. Allerdings fehlen in der RT-Version noch essentielle Anwendungen wie Office, die alle eigenes angepasst werden müssen. Microsoft verspricht ein Update Anfang 2013.

Test: Windows 8 in Aktion (golem.de)

Auf Laptops und Computern zeigt sich jedoch schnell der Nachteil von Windows 8: Die Kacheloptik verdrängt jahrzehntelang antrainierte Arbeitsschritte. Der Desktop lässt sich zwar jederzeit aktivieren, doch muss man für zahlreiche Einstellungen (etwa einen Drucker installieren) immer den Umweg über den Kachel-Bildschirm (der Name "Metro" wurde aus rechtlichen Gründen wieder gestrichen) nehmen. Das wirkt aufgesetzt, kompliziert und macht mit Maus und Tastatur auch nur mäßig Freude. Die "Start"-Taste ist gänzlich verschwunden, Programme startet man wie bei Apple am besten über die einwandfrei arbeitende Suchfunktion. Auf leistungsfähigen Tablets ist es zudem Möglich, auch Desktop-Programme auszuführen, die Bedienung per Finger ist aber nicht mehr als eine Notlösung.

Risiko

So hinterlässt Windows 8 ein zwiespältiges Bild. Gut auf Tablets, aber durch den ständigen gezwungenen Wechsel zwischen Desktop und "Metro" fehlt oft die Logik und Konsistenz in der Bedienung auf anderen Geräten. Wer sich aber dem anfänglichen Chaos aussetzt und mit einigen nervigen Details umzugehen lernt, den erwartet ein Betriebssystem, bei dem der Grundgedanke stimmt, in dessen Brust aber zwei Herzen schlagen. Darüber lässt sich streiten.

Zitiert

"Wir haben Windows neu erfunden"
- Steve Ballmer.

Trotz aller Kritik hat Microsoft aber erkannt, dass man manchmal mit Gewohnheiten brechen muss, um voranzukommen und den Anschluss nicht völlig zu verlieren. Ob die Nutzergemeinde diesen Schritt mitgeht, bleibt abzuwarten. Zu verlockend mag es anfangs sein, einfach bei den stabilen und gewohnten Vorgängern zu bleiben – vor allem Firmen dürften vorerst keine Experimente eingehen.
Sollte Windows 8 ein Fehlschlag werden, geht der riesige Tablet-Markt endgültig verloren. Doch auch der immer kleinere werdende PC-Sektor, die letzte Domäne Microsofts, wird mit Windows 8 auf die Probe gestellt. Eine riskante Wette auf die Zukunft.

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SEBASTIAN KRAUSE

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Bild vergrößern"Surface": Erstes Microsoft-Tablet soll zum Vorreiter werdenFoto © Reuters

Tablet-Test

Die ersten Berichte über Surface fielen gemischt aus. Lob gab es für die Hardware.

Allerdings wurden Sorgen über die Batterielaufzeit und das zunächst begrenzte Software-Angebot laut. Zudem läuft auf dem ersten Modell mit Windows RT ein Betriebssystem, das nicht mit alten Windows-Programmen kompatibel ist. Dies könnte den Verbraucher verwirren.

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Bild vergrößernMarktschreier: Steve Ballmer, Microsoft-CEOFoto © Reuters

Preisfrage

Die Version Windows 8 Pro gibt es bis zum 31. Jänner als Download für 30 Euro, kündigte Microsoft an. Im Handel schlägt die Software auf einer DVD mit 60 Euro zu Buche. Ab Februar steigt der Preis dann auf 280 Euro. Nutzern von Windows 7, die ihr altes System ab Juni 2012 gekauft haben, bietet Microsoft bis Ende Februar für 15 Euro ein Upgrade auf Windows 8 an.

Wer ein Gerät mit der Basisversion von Windows 8 erwirbt, kann auch auf Windows 8 Pro mit mehr Funktionen aufstocken - bis Ende Jänner für 60 Euro über den Handel, danach für 160 Euro.

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Bild vergrößernShow zum Start: Marketing-Offensive in New YorkFoto © Reuters



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