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Zuletzt aktualisiert: 26.04.2012 um 19:12 UhrKommentare

Der Absturz eines Giganten

Mehr als 14 Jahre lang war Nokia der größte Handy-Hersteller der Welt. Bis jetzt. Der einstige Paradekonzern aus Finnland befindet sich im freien Fall. Das ehemals wertvollste Unternehmen Europas ist heute nur noch "Ramsch".

Foto © AP

Es ist fast auf den Tag genau fünf Jahre her, da errechneten die Marktforscher von Millward Brown, dass der finnische Handy-Hersteller Nokia mit einem Wert von knapp 24 Milliarden Euro die "wertvollste Marke Europas" ist. Heute, fünf Jahre später ist Nokia - zumindest nach Ansicht der Ratingagentur Fitch - Ramsch. Die Bonität des früheren finnischen Vorzeigekonzerns wurde abgestuft. Damit nicht genug. Innerhalb weniger Tage musste Nokia einen Quartalsverlust von fast einer Milliarde Euro vermelden, der Umsatz brach um 30 Prozent auf 7,4 Milliarden Euro ein. Zudem wurde das Unternehmen vom Thron als weltgrößter Mobiltelefon-Hersteller gestoßen, wie der scheidende Aufsichtsratschef Jorma Ollila jetzt einräumen musste.

Neue Nummer eins

Nach 14 Jahren an der Spitze heißt die neue Nummer Eins Samsung. Obwohl sich Berichte über Nokia bereits seit längerer Zeit wie Nachrufe lesen, bis dato war man noch immer der größte Hersteller der Welt. Was ist geschehen? Wie lässt sich die immer tiefer werdende Krise des einst so innovativen Bilderbuch-Konzerns erklären? Ein Konzern, der sich im 20. Jahrhundert von einem Reifen- und Gummistiefelproduzenten zum Mobilfunk-Giganten entwickelt hat.

Nokia hat sich in den 1990er Jahren, als Mobiltelefone die einfachen Haushalte eroberten, sehr schnell an der Spitze festgesetzt. Das Geheimnis waren einfach zu bedienende Geräte, die mit ihrem Design, ihrer Menüführung aber auch mit ihrer Akkuleistung punkten konnten. Das Nokia 1100, das 2003 auf den Markt kam, gilt bis heute als meistverkauftes Mobiltelefon aller Zeiten. Das am häufigsten angeführte Argument für den Niedergang ist folgender: Nokia hat den Trend zu multimediafähigen Alleskönnern vulgo Smartphones verschlafen. Das stimmt nur bedingt. Mit dem Communicator hat Nokia Mitte der 1990er Jahre sogar das erste Smartphone überhaupt auf den Markt gebracht. Jedoch mit geringem Erfolg. Das war nicht weiter schlimm, weil damals auch der Markt noch nicht reif für Smartphones war - mobiles Internet mit einer halbwegs brauchbaren Verbindungsgeschwindigkeit ließ die Netzinfrastruktur noch kaum zu. Am Massenmarkt bissen sich auch Größen wie Siemens oder Ericsson an Nokia die Zähne aus. Heute beißt sich bei den Smartphones wiederum Nokia an Konkurrenten wie Samsung, Apple, HTC oder LG die Zähne aus.

Den Anschluss verpasst

Der Rückfall Nokias hat insbesondere mit seinem Betriebssystem Symbian zu tun, das es mit Googles Android oder Apples iOS nicht mehr aufnehmen kann. Der Schlüssel liegt dabei in den beliebten kleinen Programmen (Apps), die für den Erfolg von Smartphones essenziell sind. Sowohl Apple als auch Googles Android sind perfekt auf das Geschäft mit den Apps ausgerichtet. Nokia nicht. Auch bei den berührungsempfindlichen Bildschirmen (Touchscreens) ist Nokia nicht rechtzeitig in die Gänge gekommen. Der Versuch, gemeinsam mit Microsoft - das selber unter einer gewissen Bedeutungslosigkeit am Smartphone-Markt leidet - wieder in die Spur zu kommen, hat noch keinen nennenswerten Erfolg gebracht. Die Umstellung von Symbian auf das Microsoft-Betriebssystem Windows läuft holprig. Die Hoffnung auf eine Trendwende haben die Finnen trotz der jüngsten Rückschläge freilich nicht aufgegeben.

MANFRED NEUPER, MARKUS ZOTTLER

Das Leichtgewicht

"Alles in deiner Hand. Verbindungen. Zeit. Die Freiheit, sich zu bewegen." So warb Nokia Ende der 1980er-Jahre für sein Mobira Cityman. Während die Handys dieser Zeit normalerweise bis zu fünf Kilo auf die Waage brachten, glänzte das sogar von Michail Gorbatschow verwendete Nokia-Gerät als 800-Gramm-Leichtgewicht.

Gummistiefel und Reifen

Die Geschichte von Nokia begann im Jahr 1865 mit einer Holzstoffmühle nahe dem finnischen Fluss Nokia, dem Namensgeber der Firma. Zwischenzeitlich stellte das Unternehmen u.a. Gummistiefel und Reifen her. 1967 fusionierte Nokia mit einem anderen Gummihersteller und einer Kabelfirma zur heutigen Gesellschaft.

Foto

Foto © Reuters

Bild vergrößernNokias aktuelles Flagschiff mit Windows Phone 7: Das Lumia 900Foto © Reuters

Löwenanteil

80 Prozent der neu gekauften Mobiltelefone sind in Österreich laut aktuellen Branchenschätzungen Smartphones. Der Datenverkehr hat dadurch explosionsartig zugenommen. 2011 ist die Menge der übertragenen Daten in Österreich um drei Viertel auf 43,54 Millionen Gigabyte angewachsen. Ein Smartphone generiert 50-mal mehr Datenverkehr als ein normales Handy.

Mitarbeiter

130.000 Mitarbeiter arbeiten bei Nokia. Apple, das einen dreimal so hohen Umsatz hat wie das finnische Unternehmen, beschäftigt hingegen nur etwa 60.000 Leute. Die OMV, Österreichs größtes Unternehmen, hat 30.000 Menschen angestellt.

Vergleich

35,1 Millionen iPhones verkaufte Apple im ersten Quartal 2012. Nokia hingegen kommt bei den Smartphones nicht einmal auf die Hälfte. Die Verkaufszahl liegt bei 17 Millionen Geräten.

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