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Zuletzt aktualisiert: 26.08.2011 um 16:47 UhrKommentare

Revolutionen, Wahnsinn und iDeen

Steve Jobs ist ein Mann, über den es viele skurrile Geschichten gibt. Er ist Denker und Diktator, Genie und Getriebener. Sein Rücktritt von der Spitze Apples ist das Ende einer Ära. Offen bleibt, ob der wertvollste Konzern der Welt ohne den Visionen seines Alleinherrschers überleben kann. Von Sebastian Krause.

Steve Jobs auf dem Cover der einzigen autorisierten Biographie ("Steve Jobs", von Walter Isaacson, erscheint im November dieses Jahres)

Foto © APSteve Jobs auf dem Cover der einzigen autorisierten Biographie ("Steve Jobs", von Walter Isaacson, erscheint im November dieses Jahres)

Um Steve Jobs zu verstehen, muss man den Farbverlauf des zweiten "O" im Logo von Google kennen. Der Chefentwickler des Suchmaschinen-Riesen, Vic Gundotra, erzählt in seinem Blog eine kleine, melancholische Geschichte zum Rücktritt von Apple-CEO Steve Jobs: Dieser habe ihn eines Sonntagmorgens im Jahr 2008 zuhause angerufen; er klang aufgebracht, es gehe um eine "wichtige Angelegenheit". "Ich habe mir gerade das Google-Logo meiner iPhone-App angesehen", sagte Jobs. Er sei damit nicht glücklich. "Das zweite "O" hat einfach nicht den richtigen gelben Farbverlauf. Ich werde das morgen korrigieren lassen. Wäre das okay für dich?"

Die kleine Anekdote sagt viel über den Menschen und Manager Steve Jobs aus. Ein 56-jähriger Mann, der seine Visionen akribisch verfolgt, bis ins letzte Detail, bis zur Farbe eines gelben "O". Er verkörpert das Lebensgefühl des modernen, urbanen Menschen, zwischen Simplizität und Understatement. Und er gab seinen Kunden etwas von diesem Gefühl ab, mit jedem iPad, iPhone und Mac-Rechner, die er ihnen für viel Geld verkaufte.

Jobs, der Studienabbrecher mit den seltsamen Klamotten, das Adoptivkind, um dessen Zukunft sich seine Eltern sorgten. Jobs, der Apple 1976 in der Garage seiner Eltern gründete und zum zeitweise wertvollsten Unternehmen der Welt machte, der gleich mehrere Industrien für immer veränderte. Es gibt viele Geschichten über den medienscheuen Visionär und sie lassen sich grob in zwei Kategorien einordnen: Jene, die ihn als schräges Genie darstellen, als Eigenbrötler, den man irgendwie mögen muss. Und jene, die eine andere Facette beleuchten: Jobs, der Diktator, der jeden feuert, der nicht an ihn glaubt. Jobs, der andere Ideen verachtet, der sich selbst zum "iGod" (New York Times) stilisiert. Der seinen ersten Computer "Lisa" nannte, nach seiner unehelichen Tochter, die er jahrelang nicht anerkennen wollte und deren Mutter er finanziell im Stich ließ.

Jobs, der Erfinder und Diktator

Eine dieser Geschichten besagt, dass es bei Apple Menschen gibt, die lieber die Treppe nehmen. Weil sie Jobs besser nicht im Aufzug begegnen wollen, aus Angst, ihren Job zu verlieren. Gerüchten zufolge, fragt er auf dem Apple-Campus in Cupertino Mitarbeiter gerne, woran sie gerade arbeiten. Wenn es ihm nicht gefällt, sei der Job in Gefahr.

Gerne wird Steve Jobs in einem Satz mit Bill Gates genannt, dem Microsoft-Gründer. Mit Facebooks Mark Zuckerberg oder Googles Gründer-Duo Larry Page und Sergej Brin. Zu Unrecht, auch wenn Jobs sich gerne mit ihnen vergleicht. Er ist kein mathematisches Genie, er programmierte nie Nächte durch, hat kein besonderes Talent für Technik. Jobs Stärke liegt im kleinsten gemeinsamen Nenner aller Geschichten über ihn: Er weiß, wo er hin will. Und er weiß, was er tun muss, um dort hin zu kommen. Auch, wenn er seine Mitarbeiter einen hohen Preis dafür zahlen ließ.

Die Idee als Kapital, das machte Jobs unersetzlich an der Spitze von Apple. Kein anderes Unternehmen der Welt wurde so zentral von einer Person geführt - 35.000 Mitarbeiter weltweit dienten den Visionen des großen Steve. Die Umsetzung überließ er anderen, Jobs selbst ist Erfinder und Verkäufer. Als er den iPod erfand, soll er Apple-Techniker monatelang gequält haben, einen Weg zu finden, jeden Song mit maximal drei Klicks erreichen zu können. Er verwarf Idee um Idee, Mitarbeiter um Mitarbeiter schmiss entnervt das Handtuch. Bis sich am Ende das seinerzeit revolutionäre Clickwheel anschickte, den Musikmarkt gepaart mit dem Download-Store iTunes für immer zu verändern.

Egal ob Handys, Computer, Zeitungen oder Musik: Apple ist über die Jahre zu einem Riesen geworden, der mit Jobs auf wundersame Weise die Aura eines Start-Up-Unternehmens behielt. Auch die Wachstums-Raten blieben selbst auf hohem Niveau noch die einer kleinen "Wunderfirma": Die Aktie steht weltweit mit dem Ölgiganten Exxon Mobile an der Spitze der teuersten Firmenpapiere. Die Risikobereitschaft, den Konzern aus Cupertino immer wieder zu revolutionieren, neue Wege zu suchen und Altes abzustoßen, es ist wohl Jobs größte Leistung. Er wurde belächelt für seine "Kriege" gegen Flash und optische Laufwerke, nicht viele, selbst bei Apple, wären stur geblieben. Die Marke Apple droht ohne Jobs träge zu werden.

Apple ohne Jobs - ein träger Riese?

Denn das Solowerk dieses Mannes gilt als größte Gefahr für Apple. Die Aktienkurse fielen zwar weniger stark als erwartet, als er seinen Rücktritt bekannt gab, doch auf langfristige Sicht bleibt abzuwarten, ob Tim Cook als Nachfolger die Lücke füllen kann.
Cook, der bislang das operative Tagesgeschäft leitete, gilt als knallharter Manager, er denkt in Zahlen, Fakten und Marktanalysen. Zwar wird Apple in absehbarer Zeit dank iPhone, iPad, der Mac-Reihe und der neuen iCloud weiter wachsen, doch befürchten viele Analysten: "Apple ist Jobs, und Jobs ist Apple". Seine Visionen, sein Charisma, gepaart mit seiner Fähigkeit, Marktlücken und Innovationen auszuloten, könnte in längerer Folge fehlen. Wie eine dunkle Wolke schwebt die Erinnerung an die frühen 90er-Jahre über den Anlegern, als Apple rote Zahlen schrieb, nachdem Jobs im Streit verstoßen wurde. 1997 feierte er dann sein Comeback und führte Apple an die Speerspitze der Innovation. Seine Strategie verriet er damals auf einer Show-Bühne einer Mac-Konferenz vor 4.000 Menschen: "Build some great products". Kurz darauf erschien der iMac, dann der iPod.

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Foto vergrößernTim Cook: Buchhalter an der Spitze von Apple?Foto © AP

Dabei baute Jobs seine revolutionären Produkte nicht selbst, er war umgeben von den besten Bastlern, Designern und Technikern der Branche. Ein oft zitierter Satz der IT-Welt, dessen Ursprung unbekannt ist, brachte es auf den Punkt: "Apple besteht aus einem Verkäufer und tausenden Kreativen – bei Microsoft ist es genau anders herum". Jobs ließ stets andere an der technischen Umsetzung seiner Pläne feilen; er gab die Initialzündung und überwachte den Prozess bis ins letzte Detail, auch, wenn es nur um ein gelbes "O" ging. Wie viele Ideen der Mann aus Kalifornien so jedoch verwirklichte, zeigt ein eindrucksvoller Vergleich: Am amerikanischen Patentamt scheint der Name Bill Gates auf neun verschiedenen Einträgen auf, meistens Programmcodes. Steve Jobs scheint als Erfinder und Mitgestalter von ganzen 313 Patenten auf - von der kunstvollen iPod-Verpackung über die iPhone-Foto-App (die nun Gegenstand einer Klage gegen Samsung ist) bis hin zu einer Treppe aus Glas, die in den Apple-Stores Verwendung fand.

Auch wenn Jobs in seiner Rücktrittserklärung größte Zuversicht in Tim Cook ausdrückte - es bleibt die Frage nach dem Zeitpunkt. Warum jetzt? Die Meldungen der Weltpresse über den Abgang Jobs lesen sich wie Nachrufe, auf den Mann und auf Apple. Zwar will Jobs als "einfacher Mitarbeiter" und im Aufsichtsrat aktiv bleiben, doch es bleibt die Frage, wie lange sein wirklicher Nachruf noch in den Schubladen bleiben wird. Er erkrankte 2005 an Bauchspeicheldrüsenkrebs, eine Operation und eine Leber-Transplantation hielten den von seinen Ärzten bereits für Tod erklärten Mann am Leben. Drei Mal unterbrach er seither seine Amtszeit als Apple-CEO aus gesundheitlichen Gründen, es vertrat ihn stets Tim Cook. Als er Anfang des Jahres das iPad 2 bei einer seiner legendären Pressekonferenzen präsentierte, war er noch dünner als zuletzt und hatte Schwierigkeiten, zu gehen. Im Juni zeigte er erstmals den Cloud-Dienst "iCloud", sein Zustand schien sich noch weiter verschlechtert zu haben. Ein dürrer, kranker Mann, an dem sein legendärer schwarzer Rollkragenpullover wie eine Skizze früherer Tage wirkte. Er bekam Standing Ovations von einem sichtlich gerührten Publikum.
Es ist ihm zu wünschen, dass ihm einfach die Ideen ausgingen.

SEBASTIAN KRAUSE

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