Ein Vormittag mit Österreichs "Ober-Wikipedianer"
Darf bei Wikipedia wirklich jeder mitschreiben? Wer kontrolliert die Inhalte? Und wer finanziert das Online-Lexikon eigentlich? Der Obmann des Vereins "Wikimedia", des gesellschaftsrechtlichen Kleides der Online-Enzyklopädie Wikipedia, gibt Antworten.

Foto © Kleine Zeitung DIGITAL/Jürgen Fuchs
In der realen Welt ist er Jurist, in der virtuellen Welt Spezialist für Insekten und Schmetterlinge: Kurt Kulac, 27-jähriger Grazer Rechtsanwaltsanwärter, ist der Obmann des Vereins "Wikimedia", des gesellschaftsrechtlichen Kleides der Online-Enzyklopädie Wikipedia. Mit Sitz in Graz, Glacisstraße 57/II. Der Vereinssitz, gewissermaßen Österreichs Wikipedia-Zentrale, ist in einem Übersetzungsbüro gemeldet, das Kulac' Vater leitet.
"Im Prinzip geht es bei Wikimedia darum, dass wir die Wikipedia-Community miteinander vernetzen, lokale Ansprechpartner sind und Spenden sammeln", so Kulac. Auf Inhalte habe Wikimedia hingegen keinen Einfluss.
Doch Kulac ist nicht nur Vereinsobmann, sondern auch Autor, seit mehr als sechs Jahren schon. Der erste Eintrag? "Da ging es um einen geostatischen Satelliten". Die deutschsprachige Wikipedia-Version ging im März 2001 an den Start, als erste Ausgabe in einer anderen Sprache. Heute sind es mehr als 278.
Wie sieht der Alltag eines Wikipedianers aus? "Ich widme Wikipedia den größten Teil meiner Freizeit", so Kulac. Er hat sich auf Schmetterlinge spezialisiert. "Wir haben bei der deutschsprachigen Wikipedia mittlerweile 4000 Einträge zu Insekten." Doch wie reagiert die Fachwelt, wenn Juristen in einer Enzyklopädie über Insekten schreiben? "Vor allem zu Beginn war da enorme Skepsis", so Kulac. Heute gibt es zum Teil auch Experten aus der Fachwelt, die mitwirken. "Es gibt aber auch Kritiker, die jeden kleinsten Fehler total an den Pranger stellen. Dabei würde es nur wenige Sekunden dauern und schon hätte der Kritiker den Fehler ausgebessert und den Artikel so verbessert."
Grundsätzlich kann bei Wikipedia jeder Artikel schreiben. Gibt es Nachwuchssorgen? "Jein. Die Community der sehr aktiven Autoren ist nicht so groß. Und sie wächst derzeit nicht wirklich." Warum? "Zu Beginn wurden bei Wikipedia Einträge über die eigene Gemeinde eingebracht, oder Artikel über Politiker und Sportler. Das ist mittlerweile aber fast alles schon geschrieben." Es werde schwieriger neue, noch nicht bearbeitete Themen zu besetzen.
Vandalen, Mist und Zensur
80 bis 90 Prozent der Arbeit liege heute daher nicht im Verfassen neuer Beiträge sondern im Kontrollieren und Redigieren von Ergänzungen. "Von rund 1000 Neueinstellungen pro Tag sind gut die Hälfte Mist. Wir haben hier vor allem mit Vandalismus zu kämpfen, insbesondere vormittags wenn an Schulen der Informatikunterricht läuft." Da werden Artikel dann wahllos mit Sätzen wie "keiner mag die Susi" oder dergleichen versehen. "Wenn es ganz wild wird, rufen wir auch schon einmal in den Schulen an und bitten darum, dass das abgestellt wird", so Kulac. Immer wieder in der Kritik steht die Löschpolitik von Wikipedia. Es gibt genaue Kriterien, die von der Textqualität über Verständlichkeit bis hin zur Relevanz des Themas reichen. "Wikipedia ist kein Diskussionsforum, kein Wörterbuch, keine Werbeplattform und kein Ort zur Selbstdarstellung", so steht's auf der Startseite für Neueinsteiger. "Das ist vielen nicht bewusst. Es muss Regeln geben und in die sollte man sich vorher einlesen, sonst kann binnen einer Stunde riesiger Schaden angerichtet werden", betont Kulac. In einigen Blogs wird Wikipedia regelmäßig Zensur vorgeworfen. Auch die freie Enzyklopädie müsse einer Ordnung folgen. "Wenn Leute über sich selbst schreiben, über Verwandte oder die eigene kleine Firma, dann geht das meistens in die Hose." Manchmal, sinniert Kulac, "wäre es hilfreich, wenn sich Leute die Frage stellen würden, ob ihr Eintrag so auch im Brockhaus erscheinen würde".










