"Dr. Google": Das Internet als Fundgrube für Patienten
Das Internet bietet eine Fülle an Informationen zu medizinischen Themen. Wie weit beeinflusst dieses Wissen aus dem Internet die Beziehungen zwischen Ärzten und Patienten?

Foto © Yanik Chauvin - Fotolia.comPatienten eignen sich theoretisches Wissen über Krankheiten durch das Netz an
Die Wiener Wissenschafterin Ulrike Felt ging in einer Studie unter dem Titel "Virtuell informiert? Möglichkeiten und Herausforderungen für die Medizin im Internetzeitalter" der Frage nach wie weit medizinisches Wissen aus dem Internet die Beziehungen zwischen Ärzten und Patienten beeinflusst. Die Ergebnisse präsentierte sie am Mittwochabend in Graz. Felt fand u.a. heraus, dass die Nutzer meist nicht nach Information, sondern eher nach Bestätigung suchen würden, und ermittelte vier verschiedene Patientenmodelle.
Dem steirischen Ärztekammerpräsidenten, Wolfgang Routil, zufolge suchen die Österreicher im Internet zu einem großen Teil nach Gesundheitsthemen, womit die Ärzte "nur bedingt Freude" hätten. Ulrike Felt, Vorstand des Instituts für Wissenschaftsforschung an der Universität Wien, untersuchte mit Suchexperimenten, Website-Analysen, Medien-Analysen und Interviews die Arzt-Patienten-Beziehungen in Zeiten der Internetrecherche.
"Bis auf eine einzige Ausnahme benutzten alle unserer Probanden die Suchmaschine Google für ihre Recherchen", so Felt. Die Auswahl der von Google angebotenen Seiten erfolge dann willkürlich: "Meistens werden nur Unterseiten und nicht die gesamte Website besucht. Qualitätslabel werden kaum beachtet, weil sie entweder nicht erkannt oder überhaupt nicht gefunden werden." Die Nutzer würden generell meistens nicht nach Informationen, sondern eher nach Bestätigung suchen. Auch der Name der Webpage, die grafische Aufbereitung, die Übersichtlichkeit und die verwendete Sprache hätten Einfluss darauf, ob die Webseite von den Usern beachtet werde.
Patienten eignen sich theoretisches Wissen selbst an
Ulrike Felt ermittelte im Zuge ihrer Studie vier unterschiedliche Patiententypen: Im ersten, dem Verbesserte-Hierarchie-Modell, meinen diese, dem Arzt die Arbeit abzunehmen, indem sie sich bereits vor der Untersuchung über Krankheiten und Fachbegriffe informieren. Nach dem Kompensations- und Erweiterungsmodell herrscht beim zweiten Patiententyp die Meinung vor, dass die Ärzte nicht alles wissen können und sie das Wissen durch das Internet ergänzen. Das dritte Modell ist das Verhandlungsmodell, bei welchem sich der Patient selbst über mögliche Behandlungen informiert und dann mit dem Arzt darüber verhandeln will. Die letzte Patientengruppe handelt nach dem Aufgabenverteilungsmodell: Sie "erlauben" dem Arzt, sich um die Behandlung zu kümmern, eignen sich aber das theoretische Wissen über die Krankheit selbst an. "Viele Patienten wollen gar nicht zugeben, dass sie ihr Wissen aus dem Internet beziehen, um dem Arzt nicht das Gefühl zu geben, dass sie ihm nicht vertrauen", so Felt.
In der anschließenden Podiumsdiskussion mit Felt, der Allgemeinmedizinerin Doris Wiesauer, dem Radiologen Erich Sorantin und dem Doktoranden Michael Sacherer wurde auf die Gefahren der Selbstdiagnose via Internet eingegangen. "Wenn die Leute im Internet selbst recherchieren und dabei auf beängstigende Diagnosen stoßen, können sich im Ernstfall sogar Neurosen entwickeln", so Wiesauer. Sorantin bestätigte dies: "Befunde aus dem Internet können Furcht hervorrufen. Das Internet klärt teilweise zu sehr auf." Die andere Seite sei, dass schwere Krankheiten im Internet auch verharmlost werden können. Einig waren sich die Experten darin, dass der Arzt-Patienten-Beziehung in den nächsten Jahren durch das Internet eine gravierende Veränderung bevorstehe. Man müsse sich überlegen, wie man das Internet sinnvoll einsetzen könne, so der allgemeine Tenor.










