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    Zuletzt aktualisiert: 26.12.2009 um 08:20 UhrKommentare

    "Multitasking ist Körperverletzung"

    Journalist und Autor Frank Schirrmacher spricht über sein neues Buch "Payback". Er zeichnet ein beängstigendens Zukunftsbild, erläutert die Gefahr von Facebook, Twitter und Co und fordert "Demut" von den Maschinen.

    Foto © fotolia.com

    In Ihrem jüngsten Buch "Payback" bekennen Sie, von der digitalen Welt überfordert zu sein. Wie kommt das?

    FRANK SCHIRRMACHER: Wir leben in einer Zeit beispielloser Informationsüberflutung. Die Computer oktroyieren uns ihre Art des Denkens. Dazu gehören insbesondere Geschwindigkeit und Gleichzeitigkeit. Das menschliche Hirn schafft es nicht, dauernd Mobiltelefon, E-Mails, Facebook, Twitter und noch andere Kommunikationskanäle zu kontrollieren. Multitasking ist Körperverletzung.

    Das heißt, die Information aus dem Internet ist zwar gratis, aber sie hat trotzdem ihren Preis?

    Gratisinfos im Netz

    "Der Preis für die Informationsfülle sind Aufmerksamkeitsstörungen, Gedächtnismangel und Unkonzentriertheit."

    SCHIRRMACHER: Der Preis sind Aufmerksamkeitsstörungen, Gedächtnismangel und Unkonzentriertheit. Dadurch werden wir natürlich noch abhängiger von diesen Systemen. Es fängt damit an, dass wir uns alles aufschreiben müssen. Dass wir uns die Adressen nicht mehr merken, sondern alles gespeichert haben. Schließlich kommt es so weit, dass man eines Tages nur noch den Systemen vertraut, weil man sich selber nicht mehr vertrauen kann. Das heißt, wir kommen in eine Art Teufelskreis, der so nicht vorhergesehen wurde.

    Sie gehen noch weiter und behaupten, dass der Computer das menschliche Hirn verändert.

    SCHIRRMACHER: Daran kann kein Zweifel mehr bestehen. Denn der Mensch will stets verlässliche Muster und Strukturen haben. Die Computer bestärken genau diese Seite in uns: die Seite der Berechnung und den Glauben, dass alles vorhersehbar ist. Im Gegenzug verkümmert all das, was zwar die Computer nicht können, was aber den Menschen ausmacht: Kreativität, schöpferisch Kraft, Unberechenbarkeit.

    Trotzdem leben wir in einer Zeit, die eine nie gekannte Fülle an kreativem Kunst- und Kulturschaffen hervorbringt.

    Gefahren

    "Wenn man nicht mehr versteht, dass eine Maschine nach starren Regeln entscheidet, dann lauern enorme Gefahren."

    SCHIRRMACHER: Mir geht es um die Kreativität im Alltag. Nehmen wir ein Beispiel: Eine Firma mit 3.000 Mitarbeitern muss Personal abbauen. Es gibt heute schon Software-Programme, die eine genaue Analyse des Verhaltens vornehmen, wann und wie oft jemand krank ist, wie oft er E-Mails schreibt, was in den E-Mails drinnen steht und wie sich der Mitarbeiter sonst verhält. Das ist wie bei Amazon, wenn Ihnen weitere Bücher zum Kauf vorgeschlagen werden. Irgendwann bekommt der Personalchef das Ergebnis, und da steht dann: Dieser Mitarbeiter ist 30 Jahre alt, wir warnen dich vor ihm, er könnte mit 50 Jahren ein Burnout bekommen. Jetzt geht es um die Kreativität: Dieser Personalchef muss kapieren, dass das nur eine Berechnung ist und dass es auch ganz anders kommen kann. Wenn er das nicht mehr versteht und wie eine Maschine nach starren Regeln entscheidet, dann lauern in diesem Punkt enorme Gefahren. Wir glauben immer, wir seien autonom, weil wir ja die Systeme abschalten könnten. Aber das können wir nicht mehr, wenn der Chef kommt und uns unser weiteres Leben vorhersagt.

    Immerhin gibt es derzeit noch Gesetze und einen gesellschaftlichen Konsens, die eine derartige Selektion verbieten.

    SCHIRRMACHER: Sie ist nur unter Verwendung von konkreten Einzelnamen verboten. Anonymisiert darf man es machen, und es wird auch gemacht.

    Andererseits hat doch jedes Werkzeug in der Menschheitsgeschichte den Menschen auch verändert. Ob Buchdruck oder Eisenbahn, der Mensch ist eine Funktion seiner von ihm mitgeprägten Umgebung.

    Einfluss

    "Ein Werkzeug, das alles kann und alles simuliert, wird uns verändern."

    SCHIRRMACHER: Absolut richtig. Hier aber haben wir plötzlich ein Werkzeug, von dem sogar die Hirnforschung sagt: Es ist das beste Mittel, um zu verstehen, wie der menschliche Geist funktioniert. Und damit ist klar: Dieses Werkzeug, das alles kann und alles simuliert, wird uns verändern. Die Eisenbahn hat unser Denken nicht verändert, zumindest nicht im klassischen Sinn.

    Sie sprechen auch von der "Ich-Erschöpfung", das ist ein Begriff von Roy Baumeister. Was muss man sich darunter vorstellen?

    SCHIRRMACHER: Unsere Kommunikationsmittel senden pausenlos Signale - beim Einkaufen, am Arbeitsplatz, in der Freizeit. Und wir müssen immer wieder den Impuls unterdrücken, auf diese Reize zu reagieren. Sie können halt nicht permanent ihre E-Mails checken, die Handy-Anrufe annehmen. Sie reißen sich also zusammen und tun es nicht, obwohl Sie wissen, dass dahinter soziale Kontakte stecken. Es geht in diesen Momenten darum, eine Information - also ein Denken - nicht zuzulassen. Diesen Druck hält man ein- oder zweimal am Tag aus. Aber ihm ständig widerstehen zu müssen, das führt zu dieser unglaublichen Ich-Erschöpfung. Abends fällt man dann auf die Couch und kann nur mehr fernsehen.

    Ist das nicht eher ein pubertäres Phänomen? In der Welt der Erwachsenen gibt es kaum jemanden, der sich ausschließlich um Facebook oder Twitter kümmert.

    SCHIRRMACHER: Ich bin mir nicht sicher, ob das so ist. Ich sehe da geradezu eine Art Religion entstehen. Außerdem ist es ja nicht nur das Handy, sondern es geht um eine von Computern gesteuerte Arbeitswelt, die uns permanentes Multitasking abverlangt. Da kommt plötzlich die Nachricht, dass man schnell eine Aufgabe dazwischen schieben muss.

    Sie nennen das "digitalen Taylorismus".

    Keine Pausen

    "Die ganze Computerwelt und das Internet ist ja ein kapitalistischer Raum!"

    SCHIRRMACHER: Alles wird sozusagen von einem Zeit-Taktgeber bestimmt - total effizient. Das mobile Echtzeit-Internet wir diesen Trend noch verstärken. Wir selber wissen natürlich, dass man nicht ohne Pausen arbeiten kann, aber die Systeme wissen das nicht. Die ganze Computerwelt und das Internet ist ja ein kapitalistischer Raum! Das geht tief hinein in die Lebensplanung von Menschen. Denn Computer können sogar schon die Assoziationen berechnen, die bestimmte Menschen bei bestimmten Stichworten haben. Aus der unvorstellbaren Datenmenge im Netz entstehen Muster, die aus der Vergangenheit die Zukunft berechnen. Und das ist nicht als Spiel gedacht.

    Sondern?

    SCHIRRMACHER: Sondern es dient dazu, Waren zu verkaufen und Menschen in immer kleinere mathematische Formeln einzuteilen. Und die werden wiederum von Kranken- und Pensionsversicherung, Staat und Parteien genutzt. Wir sind aber als Menschen doch viel mehr als die Summe der Informationen, die die Krankenkasse über uns hat. Ein Mann wie Albert Einstein wäre in solchen Rechnungen gar nicht vorgesehen. Den würde man nicht verstehen, weil er aus dem Muster herausfällt.

    Aus den Daten, die wir selbst ins Netz stellen, werden also kalkulierbare Menschengruppen berechnet...

    SCHIRRMACHER: ...und diese Gruppen werden immer kleiner, immer exakter, weil die Menschen ja so verschieden nicht sind. Stephen Baker hat das in seinem Buch "Die Numerati" beschrieben. Es fehlt dann die ganz normale Intuition, das Gespür für Situationen jenseits von maschinenhafter Berechnung.

    Das heißt, wir engen unseren Entscheidungsspielraum ein - und zwar durch vorgeformte und vorausberechnete Suchmasken.

    SCHIRRMACHER: Und das ist nur die Spitze des Eisbergs. Darunter entsteht etwas, was man als die Roboterisierung unseres Alltags bezeichnen kann. Das ist ein politisches Thema, mit dem man sich auseinander setzen muss. Ein Bereich, in dem die Intuition bereits völlig fehlt, ist die Kreditvergabe. Die funktioniert nur noch in Form von computergesteuerten Modellen. Und wie ist denn das bei der Bildung oder bei der Krankenversicherung? Wenn ein Arzt spürt, dass sein Patient eine bestimmte Behandlung braucht, aber die Kasse sagt: Nein, unsere Algorithmen sagen, das stimmt nicht!? Dann muss sich dieser Arzt gegen die berechnete Wirklichkeit rechtfertigen.

    Sie beklagen, die Menschen seien nicht mehr aufmerksam, sondern nur noch alarmiert. Aber dann dürften Sie eigentlich nicht als Zeitungsherausgeber arbeiten.

    Überwachung

    "Papier bietet eine Art Nische der Nachdenklichkeit und der Verzögerung."

    SCHIRRMACHER: Ich sehe in dem, was wir Journalisten tun, ein ganz großes Gegengewicht. Erstens wird die Frage des Überblicks, der Einordnung in dieser Gesellschaft immer wichtiger. Zweitens: Papier ist ein Kommunikationsmedium, das nicht überwacht werden kann. Jede Bewegung im Internet ist vernetzt und kann irgendwie ausgewertet werden. Papier hingegen bietet eine Art Nische der Nachdenklichkeit und der Verzögerung. Durch Lesen auf dem Papier werden Verzögerungs-Neuronen im Gehirn aktiviert. Das könnte eine große therapeutische Bedeutung gewinnen.

    Aber auch die Frankfurter Allgemeine Zeitung hat eine Internet- Ausgabe.

    SCHIRRMACHER: Richtig ist, dass wir diese Trends nicht stoppen können. Wir sollten aber durchschauen, dass das ein von Maschinen gesteuertes System ist, das immer schneller wird und die Welt immer mehr in Mathematik verwandelt, aber nur eine Hälfte unserer Wirklichkeit zeigt. Und wir als Zeitungsmacher, aber auch als Menschen, haben die Aufgabe, die andere Seite darzustellen.

    Wie soll das Bildungssystem auf diese digitale Welt vorbereiten?

    SCHIRRMACHER: Erstens muss man den Schülern beibringen, wie Software funktioniert. Dass das ein Drehbuch mit bestimmten Regeln ist. Zweitens muss der Unterricht viel stärker mit Kontemplation, Meditation, Heuristiken und Intuition arbeiten, also mit Bereichen, die bisher eine Nebenrolle spielten.

    Ein Aspekt des Computers ist seine Fehlerlosigkeit. Sind Fehler die Quelle unserer Freiheit?

    SCHIRRMACHER: Nicht die Fehler, sondern die Fähigkeit, aus Fehlern zu lernen. Das können Computer nicht.

    Wir wollen auch von den Chancen der Computerwelt reden. Wo sehen Sie ungenutztes Potenzial?

    Status Quo

    "Der Computer ist ein technologischer Sklave - aber eben nicht mehr!"

    SCHIRRMACHER: Der Computer ist ein geniales System, Kommunikation ganz neu zu leben - gerade in der alternden Gesellschaft. Und er regt uns zu neuem Denken an. Das kann man ja gar nicht bestreiten. Er ist gut in Statistik und Mathematik, in allen Berechnungen und monotonen Sachen. Eigentlich ist er in allem gut, was Menschen zum Wahnsinn treibt und wo sie einen Sklaven brauchen. Er ist ein technologischer Sklave - aber eben nicht mehr! Und es ist ein Irrsinn, dass wir gerade dabei sind, das zu ändern.

    Warum haben wir offenbar einen so starken Drang, aus dem Computer mehr zu machen als nur einen Sklaven?

    SCHIRRMACHER: Aldous Huxley hat die richtige Antwort gegeben: Er beschreibt eine Welt, in der den Menschen nicht verboten wird, Bücher zu lesen, sondern in der sie gar keine Lust mehr dazu haben. Das passiert, wenn sich tatsächlich eine Art Liebe zum Computer entwickelt, weil seine Algorithmen das ganze Leben in feste Rezepte pressen. Das gibt einem die Illusion, Kontrolle zu haben über das eigene Leben und die Welt. Aber seit der Finanzkrise wissen wir, dass das nicht so ist.

    Loten wir die Grenzen des Computers aus: Wird er als "Esperanto" funktionieren, also jede Sprache in jede andere übersetzen?

    SCHIRRMACHER: Hundertprozentig. Der Computer wird die Sprachen niemals lernen, und er wird vielleicht nicht Shakespeare übersetzen können. Aber er wird perfekte Relationen von Wörtern und Begriffen herstellen. Und das kann er auch mit Autos, mit Büchern und mit Menschen machen.

    Kann der Computer Konflikte lösen und Staaten regieren?

    Fakten

    "Unsere Bundeskanzlerin regiert jetzt schon per SMS..."

    SCHIRRMACHER: Das wird passieren, ganz gewiss, und das passiert jetzt schon. Wir werden auch da immer abhängiger werden. Unsere Bundeskanzlerin regiert jetzt schon per SMS, unsere Computer steuern die Nachrichtenströme in Wirtschaft und Militär. Ob das aber dazu führen wird, dass Computer Verhandlungen mit dem Iran aufnehmen, wage ich zu bezweifeln.

    Kann der Computer Orchesterwerke komponieren?

    SCHIRRMACHER: Da antworte ich mit einer Vorhersage von George Dyson: Der Computer wird nicht Musik komponieren, aber die neue Kommunikation zwischen Mensch und Maschine wird tatsächlich Musik sein. Man wird mit Schwingungen steuern. Das dauert aber noch.

    Sie haben als Buchtitel "Payback" gewählt - ein Wort, das im Buch kein einziges Mal vorkommt. Warum?

    SCHIRRMACHER: Es kommt im gesamten Text indirekt vor. Ich habe das bewusst offen gelassen, weil dieser Begriff auf diese Weise eben eine Vieldeutigkeit besitzt, die kein Computer beantworten kann.

    Im Kern geht es um das Bezahlsystem "Payback", bei dem man Kundendaten preisgeben muss und dafür billiger einkauft.

    SCHIRRMACHER: Payback ist natürlich einerseits diese Karte, aber es ist eben auch der Zahltag. Es geht darum, bei den Maschinen den Zahltag einzufordern und von ihnen zurückzuverlangen, was sie uns genommen haben. Sie haben unseren Inhalt, sie haben unseren Geist, weil wir ständig mit ihnen kommunizieren. Und jetzt wollen wir etwas zurück: nämlich die Freiheit, ein selbst bestimmtes und kreatives Leben zu führen.

    Was Sie von den Maschinen jetzt fordern, ist Demut.

    SCHIRRMACHER: Ja... das stimmt schon. Wobei der Begriff Demut fast schon zu anthropogen, also zu menschen-orientiert ist.

    INTERVIEW: ERNST SITTINGER

    Zur Person

    Frank Schirrmacher (* 5. September 1959 in Wiesbaden) ist ein deutscher Journalist, Literaturwissenschaftler und Essayist, Buchautor und seit 1994 Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

    Für einen großen Mediencoup sorgte Schirrmacher am 14. August 2006 mit einem FAZ-Interview mit Günter Grass, in dem dieser einräumte, in den letzten Kriegstagen als Gefreiter zur Waffen-SS eingezogen worden zu sein.

    Sein aktuelles Werk "Payback" wurde von Peter Kruse und Sascha Lobo kritisiert. Schirrmacher wird Perspektivenarmut und Kulturpessimismus vorgeworfen.

    Foto

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