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Zuletzt aktualisiert: 16.11.2009 um 13:37 UhrKommentare

Daten sprechen lassen

Österreich speichert Telefondaten. Google, Amazon und Facebook merken sich Surfverhalten, Hobbys und Einkommen. Den großen Radiergummi im Internet gibt es nicht - doch schützen kann man sich trotzdem.

Foto © mapoli-photo - Fotolia.com

Die Lieblingsseite im Netz, das Einkaufsverhalten, die Video-Bookmarks – geht das Google etwas an? Die Kontakte, private Fotos und Hobbys – geht das Facebook und in weitere Folge vielleicht den neuen Chef etwas an? E-Mail, SMS und Telefonante – geht das den Staat Österreich etwas an? Ja, sagt zumindest unsere Regierung. Noch im November wird auch bei uns ein Gesetzesentwurf in Begutachtung gehen, der jeden etwas angeht, der ein Handy besitzt oder das Internet nutzt. Entgegen dem bisherigen Verfahren, Überwachungsmaßnahmen nur bei einem begründeten Tatverdacht zu ergreifen, will der Staat in Zukunft präventiv schon mal alle Daten eines jeden Bürgers speichern – ohne Verdacht und Begründung.

Den Schritt zum totalen Kontrollorgan Staat will die EU schon länger vollziehen, auch die dafür benötigte Technik ist nicht gerade das, was man neu und aufregend nennt. Schon nach den Anschlägen am 11. September wurden die EU-Staaten aufgefordert, ihre "Schützlinge" besser zu überwachen. Sprich: Jedes Telefonat soll gespeichert werden und das für 6 bis 24 Monate. Trotz der offenbar vorhandenen Bedenken wird nun auch Österreich die EU-Linie fahren: Warum ausgerechnet jetzt? Weil sonst Strafzahlungen an die EU in Millionen-Höhe anstünden.

Wenn Staaten zum Datensammler werden, ist die Aufregung seit jeher größer, als wenn es um Konzerne oder gar das ewig undurchsichtige Internet geht. Was die EU und Österreich jetzt umsetzen, ist im Internet jedoch bereits Vergangenheit, hier ist man längst einen Schritt weiter. Konzerne wie Google, Amazon und Facebook können zwar unsere SMS nicht lesen, wissen dafür aber, was wir am liebsten einkaufen. Was wir lesen. Was wir suchen – und wie sie es uns finden lassen.

Der wilde We(b)sten

Transparenz ist in der Wahrnehmung des Internet ferner als jeder andere Begriff. Den meisten Nutzern ist durchaus bewusst, dass ihre Daten hier frei gehandelt werden. Für Konzerne war das Netz aufgrund der fehlenden Gesetze ein moderner wilder Westen – dem User war das egal, man wollte ja ohnedies nur in den Saloon. Erst durch die Datenskandale bei SchülerVZ, ÖBB, Facebook und Co ändert sich das Bewusstsein der Anwender. Und das der Konzerne. Google stellte "Dashboard" vor, eine Anwendung, die dem User erlaubt, die gespeicherten Daten des eigenen Google-Kontos einzusehen: Es zeigt jedoch nur personenbezogene Informationen, aber selbst die bringen so manchen zum Staunen. Nicht jeder weiß, dass etwa auch YouTube oder der Blog-Dienst "Blogger" zum Mega-Konzern gehören. Trotzdem fehlen in der Auflistung alle Daten, die über die IP-Adresse und sogenannte " "Cookies" (Mini-Dateien mit Informationen und auch Kennwörtern) direkt auf dem Rechner gespeichert werden – und das sind meist die brisanteren. Unsere Computer dürfen so ausplaudern, was sich in unseren Warenkörben befindet und wonach wir jemals gesucht haben. So registriert Google beispielsweise, auf welchen Seiten sich User am liebsten aufhalten und kann so die Werbung auf eben diesen Adressen auf den Menschen hinter dem Keyboard anpassen.

Doch auch die Interessen, die Google jedem einzelnen User zuordnet, sind abrufbar – nur verlinkt mit "Dashboard" sind sie nicht. Unter google.de/ads/preferences lässt sich betrachten, was Google über das Nutzerverhalten weiß: Dem Autor dieses Artikels wird zugesprochen, er interessiere sich für Technik, Kultur und Sport – und das sehr detailliert. Erst hinter diesem Link verbirgt sicht letztendlich auch die Funktion, die Analyse des eigenen Surfverhaltens für Werbezwecke zu deaktivieren. Die Suchanfragen selbst bleiben innerhalb der EU neun Monate gespeichert, wenngleich Google behauptet, dadurch bessere Suchergebnisse liefern zu können. Auch soziale Netzwerke wie Facebook, aber auch Konzerne wie Microsoft stehen immer wieder am Pranger der Datenschützer: Hier werden Daten ebenso erst nach Monaten wieder gelöscht.

Die "soziale Falle"

Doch gerade die sozialen Netzwerke sammeln riesige Datenmengen über uns, die man kaum wieder löschen kann. Ein Austritt aus einem Netzwerk wie Facebok bedeutet noch lange nicht, dass dadurch auch persönliche Daten, Fotos oder Forenbeiträge wieder verschwinden. Gerade, wer etwa peinliche Fotos löschen möchte, stößt oft an die Gesetzes-Grenzen: Man darf zwar die Löschung von Dateien verlangen, die man selbst hochgeladen hat, doch sobald das Foto jemand anderem gehört (egal, ob man selbst darauf zu sehen ist), scheitert man schnell – und ausgerechnet am Datenschutz: Was Dritte mit ihren Bildern machen, ist rechtlicht sehr schwer zu beurteilen. Abhilfe schaffen da Internetdienste wie "Dein guter Ruf" oder "Reputation Defender": Für Preise von rund 25 Euro veranlassen sie die Löschung aller persönlichen Details. Freilich haben diese Firmen nicht mehr Rechte als der User selbst, verfügen aber über das nötige Know-How, um Daten wirklich verschwinden zu lassen.

Denn auch wenn der User per Mail an einen Administrator die Löschung verlangt (etwa auf Facebook), tauchen genau diese Daten noch Monate später auf Personensuchmaschinen wie "123people" oder "Yasni" auf. Und was man dort findet, kann erstaunlich umfangreich werden: Name, Adresse, Fotos, Amazon-Favoriten, Telefonnummer und sogar Bankdaten sind schon über diese Seiten zusammengetragen worden. Die Personensuchmaschinen werden zudem immer besser bei Google gefunden, wodurch immer mehr Menschen direkten Zugang erhalten ohne sich bis auf Seite 154 durchwühlen zu müssen. In den USA startete unlängst ein neuer Vertreter der Personensuche, "spock.com": Erklärtes Ziel ist, "für jeden Menschen auf der Welt eine Seite anzulegen - mit allen wichtigen Infos".

Besonders bedenklich für Datenschützer ist vor allem die Tatsache, dass sich über die neuen Personensuchmaschinen auch gleich alle Einträge bei anderen Seiten wie YouTube oder Amazon finden lassen. Gerade der Shopping-Riese kennt den Kunden oftmals besser, als dieser sich selbst. Der gläserne Mensch ist beim Einkauf 2.0 längst Realität: Das gesamte Einkaufsverhalten wird gespeichert und liefert erstaunliche Rückschlüsse über Einkommen, Hobbys und Bedürfnisse. Für große Online-Händler ist Auswertung dieser Daten ein leichtes Spiel, doch vermehrt kommen auch kleinere, lokale Geschäfte auf den Geschmack: Der Wein-Händler ums Eck muss heutzutage seine Werbung nicht mehr "blind" an die Hauhalte in der Nähe verschicken. Er kauft sich ganz einfach die Daten derer, die sich für Wein interessieren, gut verdienen und in der Nähe wohnen. Genau dieser Handel floriert in den letzten Jahren besonders – in den halb legalen Weiten des Internet. Und so landet das, was man bei Google sucht, bei Amazon kauft, am nächsten Tag als Werbung im Postfach.

SEBASTIAN KRAUSE

Wer speichert was?

Online-Shops speichern oft Anschrift, Name, Telefonnummer und Bankverbindung - legal und zur Vertragserfüllung. Doch auch IP-Adressen, Browser und sämtliche Bestellungen werden oftmals gespeichert. Diese lassen sich aber meistens über Konto- oder Verbraucherinformationen wieder löschen - ob endgültig, weiß jedoch niemand so genau.

Banken: Prinzipiell kann man bei seiner Bank jederzeit nachfragen, was wann und wo gespeichert wurde. Experten sind sich jedoch nicht sicher, ob Konto- oder Kreditdaten auch nach Wechsel einer der Bank wirklich gelöscht werden. Sicher ist, dass Kontodaten, sobald sich einmal in Umlauf sind (etwa beim AWD-Skandal) kaum mehr zu löschen sind.

Situation in Österreich

Der Gesetzesentwurf durch Datenspeicherung sieht vor, dass die Polizei nur mit richterlicher Genehmigung auf die Daten zugreifen darf. Personen, über die entsprechende Inforationen eingeholt werden, müssen im Nachhinhein darüber informiert werden. Gespeichert wird prinzipiell über eine Dauer von sechs Monanten.

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