"Man wird immer echte Bücher lesen"
Annabella Weisl, Managerin für das Google-Buchsuche-Projekt, spricht über neue Geschäftsideen und die Ängste der Autoren und Verlage.

Foto © APA
Die digitale Bucherfassung durch Google gilt als größte Urheberrechtsverletzung aller Zeiten. Warum machen Sie das?
ANNABELLA WEISL: Das Urheberrecht ist territorial zu sehen, in unterschiedlichen Ländern gibt es jeweils andere Regeln. Wir haben nach unserer Auffassung nach geltendem US-amerikanischem Recht gehandelt.
Dennoch müssen auch europäische Autoren tatenlos zusehen, wie Sie deren Werke digital erfassen.
WEISL: Jeder Autor kann frei entscheiden, ob er mitmacht. Im Rahmen unseres Partnerprogramms haben wir Verträge mit über 25.000 Verlagen geschlossen, die uns ihre Inhalte überantworten, weil es eben auch für sie ein Geschäft ist.
Und trotzdem grassiert die Befürchtung, dass Sie ein Monopolist im Buchhandel und später auch im Verlagswesen werden.
WEISL: Wir schließen nie Exklusivverträge ab. Die Verlage arbeiten auch mit anderen Programmen wie etwa Libreka oder dem EU-Vorhaben Europeana zusammen. Und wir treten in keinster Weise als Verleger auf.
Wenn ich künftig bei Ihnen vergriffene Bücher bestellen kann, dann ist das eine verlegerische Tätigkeit.
WEISL: Wir machen den Inhalt dieser Bücher zugänglich. Ein Verlag macht viel mehr, der betreut ja auch die Autoren, unterstützt sie finanziell, besorgt das Lektorat und hat für die Inhalte eine Trichterfunktion.
Das heißt, die Verlage mühen sich mit den Autoren ab, und am Ende der Verwertungskette stehen Sie und holen den Profit ab, ohne selbst Inhalte zu generieren.
WEISL: Man muss im Auge behalten, was Google eigentlich ist. Wir sind eine Technologieplattform, eine Suchmaschine. Das ist unser Business-Modell. Wir sind kein Produzent von Inhalten, sondern wir machen Inhalte zugänglich.
Stimmen Sie zu, dass Sie daher mit jedem Rechteinhaber eine Vertragsbeziehung brauchen, bevor Sie dessen Inhalte verwerten?
WEISL: Selbstverständlich, und das tun wir ja auch. Wir haben Verträge mit den Bibliotheken und den Verlagen. Ich möchte betonen, dass das Urheberrecht für uns ein ganz zentrales Thema ist und wir dieses Recht aus unserer Sicht auch einhalten.
Was machen Sie, wenn alle deutschsprachigen Autoren - wie von den Verwertungsgesellschaften angedacht - geschlossen aus dem Urheberrechtsvergleich mit Google aussteigen? Ist das Modell für Sie dann noch attraktiv?
WEISL: Ich kann nicht beurteilen, wie sich die deutschen Autoren verhalten werden. Wir haben in der Buchsuche aktuell Bücher aus über 100 Ländern in über 100 Sprachen und haben auch sehr viele deutschsprachige Teilnehmer im Programm.
Stimmt es, dass Sie für das Scannen von lieferbaren Titeln die Buchrücken absägen und die Seiten in Maschinen einziehen?
WEISL: Ich stehe in der Herausforderung, zu den technischen Details des Scan-Vorgangs keine Auskünfte erteilen zu können.
Google plant, in seiner Buchsuche auch den Online-Zugriff auf Bücher gegen Geld zu ermöglichen. Wie sieht dieses Modell aus?
WEISL: Das ist noch in Planung. Wir wollen Verlagen die Möglichkeit geben, diesen Online-Zugang käuflich zu erwerben. Der Verlag kann aber exakt bestimmen, welcher Einzeltitel jeweils in den Online-Verkauf kommen soll. Das ist kein Verdrängungswettbewerb - wir hoffen, dass zusätzliche Abverkäufe entstehen. Die Verlage werden profitieren, sonst würden sie uns ja keine Inhalte überlassen.
Welche Vorstellung haben Sie von der künftigen Entwicklung in der Buch-Branche?
WEISL: Es wird definitiv noch sehr lange physische Bücher und auch stationäre offline-Buchhandlungen geben. Daheim auf dem Sofa wird man immer echte Bücher lesen. In Teilbereichen wird sich die Nutzung verschieben - abhängig von der Nutzungssituation. Ich kann mir vorstellen, dass man Reiseführer oder Reiselektüre als e-Book mitführt. Oder, dass ein Forscher seinen wissenschaftlichen Handapparat elektronisch verfügbar hat.
Features
Foto

Annabella WeislFoto © KLZ










