Papier und Mensch im Großformat
Papier ist geduldig, genau wie Sappi-Lehrlingsausbildner Willi Traußnig. Denn für seine Lehrlinge ist Papier der Stoff, aus dem ihre beruflichen Träume gefaltet sind.

Foto © Kanizaj Isabella Wippel, Thomas Schaupp und Willi Traußnig
Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Eigentlich wollte Harald Kamper ja Elektriker werden. Nun scharrt sich der angehende Papiertechniker im vierten Lehrjahr mit seinen Kollegen um die Mikroskope im Ausbildungszentrum in Gratkorn. Gegenstand der Analyse: Zellstoff. Der Profi sieht: "Welche Hölzer verwendet wurden und wie es mit der Qualität aussieht." Der Laie sieht: kleine dicke Würmer.
Da stellt sich nur die Frage, ob der junge Mann auch fleißig Briefe schreibt? "Nein, ich schreibe E-Mails, obwohl ich schon Briefpapier gemacht habe." Schade, wo das doch bei den Mädchen sicher gut ankommt. "Das mach' ich mit meinem Lohnzettel", sagt's und grinst im Din A3-Format.
Kamper ist einer von 80 Lehrlingen - 39 Maschinenbautechniker, 25 Papiertechniker, 16 Elektrobetriebstechniker - die gerade im Sappi-Ausbildungszentrum geschult werden. In den letzten 50 Jahren wurden hier mehr als 1300 Jugendliche zu Facharbeitern ausgebildet. Den meisten davon wird Willi Traußnig bekannt sein. Er kümmert seit zwanzig Jahren um die Lehrlingsausbildung des Papierproduzenten.
Soziale Kompetenz
Eine Lehre, die weit über reine Ausbildung hinausgeht. "Es geht um die Soft Skills", so der 57-Jährige, der die Jugendlichen zu Charakteren formt. "Es geht nicht bloß darum, Wissen anzuhäufen, sondern auch um soziale Kompetenz. Man muss die Jugend ernst nehmen. Die richtige Balance zwischen Respekt und Freundschaft finden." Deswegen setzt Traußnig zu Beginn der Karriere auf die "Kennenlern-Tage". Drei Tage auf der Tonionhütte, eine Selbstversorgerhütte im Mariazellerland. Wobei die Jugendlichen anfangs vor allem die verkrampfte Suche nach Handy-Empfang zusammenschweißt. "Wie im Betrieb hat auch hier jeder seine Aufgaben. Vom Heizen bis zum Kochen." Aber auch im Arbeitsalltag setzt man auf Gemeinschaft. So gibt's zwei Wochenstunden Lehrlingssport - innerhalb der Arbeitszeit. "Es geht darum, Konflikte zu lösen und zusammen zu arbeiten." Traußnig ist auch derjenige, der mit zwei Lehrlingen Schulen besucht, um den Schülern das Thema "Lehre" schmackhaft zu machen. "Da springt der Funke über, wenn die Jugend sprechen kann."
Bei Isabella Wippel war jedoch alles anders. Sie sollte am BG Rein maturieren. Jedoch kam ihr dabei ein FI-Schalter in die Quere. Nun ist sie in ihrem zweiten Lehrjahr zur Elektrobetriebstechnikerin. "Der Elektriker war bei uns zu Hause, ich habe ihm bei der Arbeit zugesehen. Mich fasziniert die Logik dahinter." Ihre Freundinnen waren freilich verdutzt als "Bella" sich plötzlich für Schaltkreise begeisterte. Doch, wenn sie zu Hause im wahrsten Sinne des Wortes auf der Leitung stehen - Bella hilft. Denn erstens kommt es anders und zweitens als man denkt.
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