Mittelmäßig. Überverwaltet. Rückständig.
Bernd Schilcher rechnet in seinem neuen Buch mit der österreichischen Bildungslandschaft und deren politischen Akteuren ab. Die Kleine Zeitung bringt exklusiv Auszüge aus der Streitschrift.

Foto © Kleine Digital / Kanizaj
Unsere Kinder sind den Politikern egal. Diesen Vorwurf erhebt Bernd Schilcher in seinem neuen Buch "Bildung nervt". Schonungslos legt er die Defizite des Bildungssystems offen. Bernd Schilcher . . .
... über die Unlust an Bildung
Wenn man nachforscht, woher diese Unlust kommt, in Bildungsfragen längst schon angestaute Probleme anzugehen, bieten sich mehrere Gründe an. Der erste und wichtigste lautet: Weil weder das österreichische Volk noch seine Politiker mit Wissenschaft und Bildung irgendetwas am Hut haben. Dazu kommt der stets nach innen gerichtete Alpen- und Seeblick der Österreicher. Lieber tun sie ins "Land einischaun" als über den Zaun hinaus.
... über Faymann und Spindelegger
Ich kann kein einziges Beispiel nennen, wo Herr Faymann oder Herr Spindelegger einen nachhaltigen Einsatz für Kinder oder Schülerinnen gezeigt hätte. Im Gegenteil. Beide nehmen es tatenlos hin, dass die Frühförderung der Ein- bis Dreijährigen bei uns besonders schlecht klappt und dass die Angebote dürftig sind; dass es nach mehr als 100 Jahren immer noch keine Einigung bei gemeinsamen Ganztagsschulen gibt und dass vor allem für Kinder aus bildungsfernen Schichten und Migranten-Haushalten so wenig getan wird.
... über die Mittelmäßigkeit
Ein weiteres gravierendes Problem, das mich in diesem Buch beschäftigt, ist unsere Kultur der Mittelmäßigkeit. Sie beherrscht die Schulen wie auch die Unis. In einem Land, wo jeder, der gerne lernt, ein "Streber" ist, und wo sogar an den Hochschulen zumindest zu einem erheblichen Teil noch für Mama und Papa oder für gute Noten statt für Erkenntnisse und Ausbildungsqualität gelernt wird, hat Exzellenz wenig Platz.
... über vererbte Bildung
Aus der 1985 bloß drei- bis vierfach höheren Chance für Kinder aus Haushalten mit einem hoch qualifizierten Vater, wieder hoch qualifiziert zu werden, ist 2011 eine 16-mal so große Chance geworden. Die Diskriminierung der Bildungsfernen ist bei uns daher im besagten Zeitraum um 400% gestiegen.
... über die Schulverwaltung
Sie ist in Österreich ganz besonders aufgebläht, ganz besonders bürokratisch-zentralistisch, ganz besonders antiquiert und noch dazu sauteuer.
... über Fritz Neugebauer
Der legendäre Chef der Beamtengewerkschaft und ehemalige Lehrergewerkschafter ist das lebende Denkmal der starren Unverrückbarkeit. Im Vergleich zu ihm ist der chinesische Volkskongress ein flatterndes Blatt im Winde. Wer im Schulfach "Politische Bildung" Beispiele für "Strukturkonservativismus" sucht - bei den Lehrergewerkschaften wird man am Verlässlichsten fündig. Das Wörtchen "Ja" ist in diesen Kreisen ausschließlich für Gehaltserhöhungen in Verwendung. Alles andere lehnen die vereinigen schulpolitischen Stahlhelmträger ab. Dass ein solches düsteres Verhinderungsgehabe natürlich auch den von diesen Denkmälern vertretenen Lehrern schadet, ist allen klar, nur den Pädagoginnen selbst nicht.
... über die Ganztagsschule
Man kann sich daher lebhaft vorstellen, wie es mit den dringend gewünschten Ganztagsschulen bei uns ausschauen wird, die es in über 80% der europäischen Staaten gibt: Sie werden mit ziemlicher Sicherheit durch eine sogenannte "Ganztagsbetreuung" ersetzt: Am Vormittag eine komprimierte Halbtagsschule mit all ihren Schwächen und am Nachmittag irgendeine Form möglichst billiger Beaufsichtigung der Schülerinnen. Basta.
... über fehlende Kompetenzen
Besonders stark spüren aber auch die Arbeitgeber die gewaltigen Defizite und Versäumnisse in unserem Schulsystem. Sie erhalten immer häufiger beruflichen Nachwuchs, mit dem sie nichts anfangen können. Manche finanzieren bereits Kurse in Rechnen, Lesen und Schreiben, damit die jungen Herrschaften überhaupt reif für die Berufsschule werden. Andere Unternehmerinnen gehen mit ihren Betrieben nach Tschechien oder Polen, weil sie dort noch eher gut ausgebildete Mitarbeiterinnen finden.
... über die Uni-Misere
Der gefeierte "freie Zugang" lockt zwar große Massen in die heiligen Hallen - weit mehr als z. B. in Deutschland oder gar in der Schweiz - aber ein großer Teil kapituliert dort an den inneren Widersprüchen unserer Politik. Alle dürfen zwar - aber es ist häufig viel zu wenig Platz da für sie und viel zu wenig Geld. Da die in solchen Fällen übliche Studienplatzbewirtschaftung und die Zahlung von Studiengebühren bei uns, besser gesagt bei der SPÖ, weltanschaulich verpönt sind, verhaspeln sich über 15.000 Abbrecherinnen jährlich in unserem universitären Ideologie-Eintopf.
... über Studiengebühren
Fraglich ist allerdings, ob die Haltung der SPÖ überhaupt den Titel "Ideologie" verdient. Das ist hier genauso wie bei der Einstellung der ÖVP zu den ganztägigen Gesamtschulen. Beide Male werden hier im Grunde nur alte Reflexe und Klientel-Vorstellungen einfach fortgeschrieben(. . .).
... über Standesdünkel
An diesen ständischen Hierarchien hat sich bis heute wenig geändert (. . .). Der Universitätsprofessor hält sich im Vergleich zum Gymnasiallehrer gewöhnlich für etwas Besseres und Höheres, der wiederum schaut auf die "fratres minori", die bloßen Pflichtschullehrerinnen und -lehrer herab, die nun allerdings noch eine Berufsgruppe erhalten haben, auf die sie noch herunterschauen können: die Kindergärtnerinnen, Hortnerinnen und Frühpädagoginnen in Kinderkrippen. Tatsächlich gibt es bald nur noch ein Land, nämlich Österreich, das all diese Lehrerinnen bzw. Pädagoginnen immer noch unterschiedlich ausbildet, mit unterschiedlichen Dienstrechten versorgt und sie unterschiedlich bezahlt.
... über folgenschwere Mankos
In den Volksschulen, Hauptschulen (Neuen Mittelschulen) und in der Gymnasialen Oberstufe müssen die vergessenen Disziplinen wie der Werkstätten-Unterricht, der Wirtschafts- und Rechtsunterricht, aber auch die Naturwissenschaften, Musik, Theater, Sport und Sprachen stark gefördert werden. Der Mangel an Wirtschafts- und Rechtskenntnissen macht sich gerade jetzt in der Krise unangenehm bemerkbar: Viel zu wenige Bürger interessieren sich für die finanz- und wirtschaftspolitischen Fakten, sondern sie schwanken einfach zwischen "Angst" und "Vertrauen".
... über Notenhörogkeit
Hauptzweck des Schulbesuchs ist nach verbreiteter Ansicht ein "gutes Zeugnis". Den Noten wird alles untergeordnet. Was nicht in "Gegenständen" und in Noten ausgedrückt ist, gibt es nicht. Also gibt es Verantwortung nicht und Disziplin, so wenig wie Empathie, solidarisches Eintreten für andere und Hilfsbereitschaft.
... über die Schulautonomie
Wenn sich der Chef eines Schulbetriebes nicht einmal seine Mitarbeiter aussuchen darf, wie das jedem Friseur und jeder Boutiquenbesitzerin mit Hauptschulabschluss zugestanden wird, wie soll er sich dann für die Schule und ihrer Ergebnisse verantwortlich fühlen - und diese Verantwortung auch wieder weitergeben, nämlich an die Lehrerinnen? Die übernehmen sie im Namen der Schulziele und des Schulprogramms für ihre Schülerinnen - und diesen wird in Projekten, Theateraufführungen und sozialen Praktika gleichfalls beigebracht, was Verantwortung bedeutet.
... über die gemeinsame Schule
Ohne einen Unterricht, der jede Schülerin als eigene Persönlichkeit begreift, mit ihren speziellen Talenten, aber auch mit ihren Schwächen, und ohne eine kontinuierliche Förderung, die diese Talente entwickelt und verstärkt sowie Schwächen auszugleichen sucht, ist eine gemeinsame Schule nicht denkbar. (. . .) Es gibt keine funktionierenden gemeinsamen Schulen auf der Welt, die nicht individuell unterrichten.
Features
Zur Person
Der Autor: Bernd Schilcher, geboren am 22. Juli 1940 in Graz. Jurist und einer der bekanntesten Bildungs- experten Österreichs. Engagierte sich politisch in der ÖVP, unter anderem als Klub-obmann im steirischen Landtag und als Landesschulratspräsident. Er gilt als reformfreudiger Bildungsexperte und war Mitinitiator des jüngsten Bildungsvolksbegehrens.
Das Buch: Bildung nervt! Warum unsere Kinder den Politikern egal sind. Verlag Ueberreuter, 2012. 200 Seiten, gebunden, 19,95 Euro.







