"Jeder erntet seine Entscheidung"
Ausnahmewinzer Manfred Tement über den "Lebenstraum der 100 Flaschen", die Gunst der Stunde und die Chance, die dem Neid entwächst.

Foto © www.tement.atManfred Tement
Sie haben aus dem Besitz Ihres Vaters eine der größten Weinbau-Besitzungen Österreichs gemacht. Wie haben Sie den Betrieb zum Wachsen gebracht?
Manfred Tement: Ich hatte eine unglaubliche Beziehung zu meinem Vater. Von seinen Tipps profitiere ich noch heute. Er war ein sehr weitsichtiger Mensch, der unbedingt wollte, dass ich eine gute Ausbildung bekomme. Er hat immer gedacht, ich werde weggehen, weil mir zu Hause alles zu klein ist und wollte mir das Rüstzeug dafür mitgeben. Wir hatten damals 2,5 ha, damit kann man überleben, aber nicht weit kommen. Als er gestorben ist, habe ich noch die Schule besucht und das Erlernte gleich umsetzen müssen. Davon habe ich sehr profitiert.
Zitat
"Das Gute setzt sich immer durch, das ist nur eine
Frage der Zeit."
Manfred Tement
Hatten Sie damals schon eine Vision?
Tement: Ich hatte immer den Lebenstraum, 100 Flaschen Wein am Tag zu verkaufen. Damals waren es 30. Mein Ziel war es, ausschließlich Qualitätswein zu machen. Damals war nicht absehbar, dass sich die Steiermark so entwickelt. In den 80ern habe ich dann die Gunst der Stunde genutzt, es gab eine weltweite Aufbruchstimmung in Sachen Wein. Heute verkaufen wir zehnmal so viele Flaschen wie erträumt.
Zitat
"Meine Frau hat einen sehr großen Anteil am Erfolg,
weil sie den ganzen Verkauf und die Abwicklung mit den
Kunden macht. Sie hält mir den Rücken frei, das ist sehr
wertvoll. Ich brauche eine gewisse schöpferische Freiheit."
Manfred Tement
Ist es nicht riskant, sein Lebenswerk auf einem Produkt aufzubauen, das Bedingungen wie dem Wetter unterworfen ist - also Dingen, die man selbst nicht beeinflussen kann?
Tement: Ich bin ein Weinfanatiker. Ich könnte wahrscheinlich besser wirtschaften, aber das war mir nie so wichtig wie der Wein selbst. Vor der Ernte kann ich oft nicht schlafen. Alles was man dann entscheidet, hat später direkte Auswirkung auf das Produkt. Die Entscheidungen im Weingarten sind fließend. Die trifft man täglich und verwirft sie wieder, das geht mit Wachstum und Vegetation einher.
Aber wenn man 50 Leute instruieren muss, davor fürchtet man sich ein bisschen. Und vor der eigenen Entscheidung. Alles, was wir machen, liegt im Ungewissen, da weiß keiner genau, was richtig ist. Die meisten Entscheidungen sind Bauchentscheidungen. Dann kommt der Tag X und die Furcht ist wie weggeblasen. Dann ist man stark, und entscheidet wie eine Maschine. Andererseits ist da die unbändige Freude. Man erntet sozusagen seine Entscheidungen und für eine ganz kurze Zeit stärkt man das eigene Ich und klopft sich auf die Schulter. Die meiste Zeit zweifelt man zwar, doch wer nicht zweifelt, denkt nicht nach.
Treffen Sie Ihre Entscheidungen immer so schnell wie zur Erntezeit?
Tement: Sicher, auch wenn ich dann merke, dass sie vielleicht nicht die besten waren. Dann weiß ich es aber wenigstens. Wenn man sich aber mit einer Sache intensiv beschäftigt und mit Leib und Seele dabei ist, trifft man auch gute Entscheidungen. Besser ist natürlich immer derjenige, der die meisten guten Entscheidungen trifft.
Sind Sie jetzt risikobereiter, als noch vor 25 Jahren?
Tement: Natürlich weiß ich mittlerweile, dass der Spieraum größer ist. Wenn es um die persönliche Existenz geht, traut man sich nicht, auszubrechen. Erst, wenn man aus dem engen Kanal herauskommt, weiß man, dass das Potenzial noch lange nicht ausgeschöpft ist, dass man sich immer wieder verbessern kann.
Wie geht man denn mit Fehlern um?
Tement: Ich versuche, Mitarbeiter in den Betrieb so einzubinden, dass sie das umsetzen können, was ich mir vorstelle. Wenn das nicht klappt, werde ich immer die Schuld auf mich nehmen. Weil es mir nicht gelungen ist, dem Mitarbeiter zu vermitteln, wie er es richtig macht. Ich bin niemand, der sich lange damit aufhält, wenn er einen Fehler gemacht hat, ich will schließlich weiter wachsen.
Ab einer gewissen Betriebsgröße hat man zwangsläufig Neider. Wie gehen Sie damit um?
Tement: Ich sehe Neid als etwas Positives. Gesunder Neid schraubt Leistung in die Höhe. Wenn mein Nachbar einen besseren Wein macht, dann weiß ich, dass ich das auch könnte und einfach etwas falsch gemacht habe. Das muss ich akzeptieren und zulassen. Natürlich ist es nicht angenehm, wenn man bemerkt, dass man geschlagen wurde. Aber dann fängt man wenigstens an zu grübeln.
Hand aufs Herz, wer hat den besten Wein?
Tement: Einmal trifft der die besseren Entscheidungen, einmal der andere. Manchmal hat man quasi selbst das beste Händchen gehabt.
Features
Zur Person
Manfred Tement lebt mit
seiner Frau Heidi und den zwei
Kindern auf seinem modernen
Weingut in Berghausen.
Ausbildung: Weinbauschule in Krems,
Matura 1979, seit damals ständiger
Ausbau des Betriebes. Heute umfasst
das Weingut Tement über 60 Hektar
Grundfläche. Manfred Tement
gehört mit sechs weiteren Winzern
zum Weinverband der "Steirischen
Klassik".














