"Zukunftsbranche gibt's nicht": Experte Horx im Interview
Die Branche der Zukunft gibt's nicht, so Zukunftsforscher Matthias Horx. Aber: Wer engagiert ist, wird einen Job haben.

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Was werden die Menschen künftig mit dem Wort "Arbeit" in Verbindung bringen?
MATTHIAS HORX: Wir verabschieden uns vom System der lebenslangen Lohnarbeit und treten in die Wissensökonomie ein, in der sich die Arbeit sozusagen "von den Plätzen erhebt". Bislang hieß Arbeit eher Fron oder Langeweile. Das ändert sich gründlich. Arbeit wird anstrengender, aber auch kreativer, herausfordernder und selbstverwirklichender. Wir werden zwei, dreimal im Leben mindestens den Beruf wechseln, gehen mit 50 wieder auf die Uni oder machen mit 40 eine neue Ausbildung. Es wird viele Arbeitssorten geben: Flexwork, Projektarbeit, Mobil-Arbeit, dazwischen Sabbaticals und vor allem viel Selbständigkeit. Sogar Angestellte sind künftig in vielerlei Hinsicht "Unternehmer".
Werden sich daher Ich-AGs und Co. als Arbeitsverhältnisse durchsetzen?
HORX: Nicht unbedingt. Man wird fixe und atypische Modelle finden. Generell hat die Idee der lebenslangen Beschäftigung ausgedient. Firmen werden
aber einen kleinen, loyalen Kern von Leuten haben, die sich damit identifizieren und oft am Betrieb beteiligt
sind. Andererseits wird es Selbstständige geben, die mal fest, mal frei mit der Firma verbunden sind. Ich schätze, dass in 20 Jahren 30 Prozent der Erwerbstätigen
selbstständig sind.
Gibt es noch die Branche der Zukunft?
HORX: Die gab's noch nie. Denn die Arbeitsnachfrage verläuft in Schweinezyklen:
Setzt sich ein Trendjob durch, will ihn jeder. Mit der Folge, dass alle ein bestimmtes Fach studieren oder in
die entsprechende Lehre gehen. Das führt zu einer gigantischen Angebotswelle, Honorare und Löhne sinken. Jugendliche sollten daher herausfinden, was sie wirklich wollen, wo die Talente liegen. Dann werden sie immer einen Job bekommen. In derArbeitswelt der Zukunft zählt vor allem Engagement. Und das kann nur haben, wer
seine Tätigkeit oder sein Thema liebt.
Wie werden die Firmen künftig mit der 50-plus-Generation umgehen?
HORX: Viele Firmen haben bereits verstanden,
dass Erfahrungswissen wichtig ist und versuchen, ältere Mitarbeiter im Betrieb zu halten. Ausschlaggebend
ist aber die Tätigkeit: Langweilige, monotone Jobs machen die Leute spätestens mit 50 kaputt. In Wissensberufen wird man hingegen erst mit 60 richtig gut. Je mehr sich diese durchsetzen, desto mehr löst sich die Altersarbeitsfrage. In Island arbeiten 90 Prozent der 60- bis 65-Jährigen, weil ihnen der Job Spaß macht, man für sie flexible Lohn- und Zeitstrukturen geschaffen hat und man dort eine dienstleistungsintensive Wirtschaft vorfindet.
Langsam, aber sicher, erobern Frauen die Führungsetagen, sind dort aber nach wie vor in der Minderzahl. Was wird sich künftig in diesem Bereich tun?
HORX: In Frankreich, Skandinavien oder den USA können wir das "Flaschenhals-Syndrom" erleben: Wenn in
einer Chefetage eine Frau sitzt, bleibt sie oft lang allein und tut sich schwer, sich gegen dieMänner durchzusetzen, die gerne in ihrem alten Habitus bleiben:
Witze reißen, Saufen nach der Arbeit, Hierarchien pflegen. Auch bei zwei Frauen ist es noch zäh. Aber ab
drei, vier Frauen kommt eine kritische Masse zustande und die Athmosphäre kippt in Richtung Geschlechter-Kooperation, offenere Athmosphäre, kreativere Stimmung. Diesen "Turning point" haben wir in den deutschsprachigen Ländern erst in einigen
Jahren erreicht. Er wird aber kommen.
Wird es dann auch leichter werden, Familie und Job zu managen?
HORX: Ja, aber nach einem Systemwechsel.
Wenn man sich umschaut, wo die Geburtenrate hoch ist und Work-Life-Balance funktioniert, kommt man zu klaren Schlüssen: Man braucht Ganztagsschulen, Kindergärten von zwei
Jahren an, eine flexible Arbeitswelt, in
der nicht die Sitzzeit, sondern die Leistung
zählt, und ein Partnerschaftsmodell, in dem sich Frauen nicht als Übermütter und Männer nicht als Sonntagsväter begreifen.
Features
Matthias Horx
Horx wurde 1955 geboren, ist verheiratet, hat zwei Söhne und lebt seit 1999 in Wien.
Er Horx studierte unter anderem Soziologie in Frankfurt/Main und arbeitete als Redakteur für Publikationen wie Tempo, Zeit und Merian. 1993 gründete er mit Peter Wippermann das Trendbüro in Hamburg, 1998 folgte die Gründung des Zukunftsinstitutes in Kelkheim.















