Immer erreichbar macht Erholung unerreichbar
Wenn der Beruf in Form von Mobiltelefon und Computer mit in die Ferien fährt, bleibt die Erholung auf der Strecke. Die Zahlen sind erschreckend: Fast die Hälfte der Arbeitnehmer, so eine Studie, arbeitet auch im Urlaub.

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Es gibt kein Entrinnen. Es piepst, läutet und vibriert auch zwischen Strandbar und Pool-Liege, unter Freibad-Sonnenschirmen und in Gastgärten immer öfter. Handy, Laptop und Tabloid-Computer sind längst Fixbestandteil des Reisegepäcks. Aber nicht nur zwecks ungezwungener Urlaubsunterhaltung, auch aus biederen beruflichen Gründen.
Fast die Hälfte arbeitet auch im Urlaub
Fast die Hälfte der Arbeitnehmer, so will eine Studie unter mehr als 16.000 Befragten in 80 Ländern herausgefunden haben, arbeitet auch im Urlaub. Von Abschalten und sich erholen können keine Spur. Auch weil die permanente Erreichbarkeit von Mitarbeitern zur stillschweigenden Selbstverständlichkeit heranreift. Wenn auch weitgehend ohne gesetzliche Grundlage. Denn das Arbeitsrecht sieht vor, dass der Urlaub ausschließlich Erholungszwecken dient, mahnt die Arbeiterkammer. Das Beantworten dienstlicher Mails oder der ständige Stand by-Modus via Mobiltelefon gehören da wohl eher nicht dazu. Aber man wird die Geister, die man durch die fortschreitende Miniaturisierung der Informations- und Kommunikationstechnologie rief, schwer wieder los. Eigentlich gar nicht.
Arbeitswelt frisst Freizeit
Mit dem E-Mail-tauglichen Smartphone steckt praktisch das gesamte Büro in der Hand- oder Hosentasche. Dazu kommt eine zügig voranschreitende Entgrenzung von Arbeits- und Freizeit. Das hochtourige Leben der formellen Berufswelt frisst sich stetig vor in die eigentlich zur Entschleunigung vorgesehenen informellen und individuellen Ruhezonen. Das (Nach-)Arbeiten per Laptop oder Handy am Küchentisch, am Nachhauseweg oder aus dem Liegestuhl am Strand wächst zur Normalität.
Nicht nur bei Medizinern schrillen die Alarmglocken. Die deutsche Arbeitsministerin Ursula von der Leyen hat kürzlich "glasklare betriebliche Regeln was Mailverkehr und Handykultur angeht" gefordert - samt einen Strafenkatalog für Chefs. "Das Mitnehmen von Fragen und Problemen aus der Arbeitswelt in die Familie lässt eine Erholung nicht zu und schwächt die langfristige Leistungsfähigkeit einer ganzen Gesellschaft", warnt auch Georg Wultsch, Leiter des Arbeitsmedizinischen Zentrums in Graz. Unterstützung kommt von Arbeitnehmervertretern. Es könne nicht sein, dass Menschen auf Knopfdruck jederzeit aktivierbar sein müssen, wettert der Chef der Gewerkschaft der Privatangestellten, Wolfgang Katzian.
Denn die Folgen sind dramatisch: Psychosomatische Erkrankungen und Burn outs steigen, weil das menschliche Hirn vom Trommelfeuer der Dauerkommunikation überfordert ist. Aber die jugendlichen "Digital natives", die "Generation Facebook", für die der pausenlose "On line"-Modus auf diversen Social Media-Plattformen wie das Atmen zum Leben gehört, wie auch die älteren Einwanderer in diese multimediale Glitzerwelt verhalten sich wie Drogensüchtige: Trotz Wissen um die Gefahr wird die Dosis permanent erhöht. Die Abhängigkeit wächst. Gibt es eine Entziehungskur?
Kein Mail nach Dienstende
Arbeitsmediziner Wultsch hält das Festschreiben von Erholungspausen und "Off Line"-Zeiten für zielführend. Längst halten die digitalen Dealer entsprechende Ersatzdrogen in Form eigener Software-Programme und Apps bereit, die den Weg in den Online-Eskapismus ausleuchten sollen. Analoge Beispiele gibt es auch schon. Bei VW werden - abgesehen vom oberen Management - den Mitarbeitern eine halbe Stunden nach Dienstschluss keine Mails mehr an Firmenhandys weitergeleitet. Bei Henkel wird der E-Mail-Verkehr während der Feiertage eingestellt - eine Regelung, die man auch beim Grazer Unternehmen Anton Paar zu übernehmen will. Es sind bewusste Kontrapunkte zu einer rasant beschleunigten Zeit.
Zu schnell soll man sich wiederum auch nicht in die Sonnenliege fallen lassen. Denn allzu hurtiges Umschalten von hektischer Arbeit auf Nichtstun, gepaart mit dem Druck, sich in einem engen Zeitfenster erholen zu müssen, kann zur sogenannten "Liegestuhldepression" führen. So mutiert der Urlaub zum zusätzlichen Stressfaktor.














