Markus Hengstschläger: "Hinaus aus der Sackgasse"
Der Genetiker Markus Hengstschläger schreibt in seinem neuen Buch "Die Durchschnittsfalle" über das fatale Streben nach Durchschnittlichkeit in Österreich. Am Dienstag diskutiert er in Graz über seine These.

Foto © PrivatMarkus Hengstschläger
Wir fahren mit Vollgas in die Sackgasse des Durchschnitts", schreiben Sie in Ihrem neuen Buch "Die Durchschnittsfalle". Was ist so reizvoll am Durchschnitt, dass es uns offenbar derart hinzieht?
MARKUS HENGSTSCHLÄGER: Einerseits ist es bequem. Wenn zwei in Österreich über ihre Kinder erzählen, ist es erwünscht, dass jemand sagt, "der fällt nicht auf". Aber es ist auch ein politisches Konzept geworden. Stellen Sie sich vor, im Turnsaal sind zwanzig Kinder. Der Lehrer sagt, es kommt ein Ball und man weiß nicht, woher. Wie sollen sie sich am besten aufstellen? Bei uns bildet die Politik eine Kommission. Die will herausfinden, woher der Ball bisher gekommen ist. Es zeigt sich, dass er zehnmal von links und zehnmal von rechts gekommen ist. Dann ist der Durchschnitt die Mitte. Dort fängt aber niemand den Ball. Mich stört, dass wir der nächsten Generation raten: "Stellt euch alle in der Mitte auf."
Ist das Durchschnittsstreben stärker geworden?
HENGSTSCHLÄGER: Es gibt schon einen Trend. Wir haben ein System entwickelt, das besagt: Die Vergangenheit war gut, die Gegenwart ist auch nicht so schlecht - und der Irrtum, dem wir uns zurzeit verschreiben, ist zu glauben, dass die Zukunft zu lösen ist, wenn alles so bleibt, wie es im Durchschnitt bisher ist. Aber die Zukunft bringt neue Fragen.
Muss Schule anders werden?
HENGSTSCHLÄGER: Es ist nicht nur eine bildungspolitische Frage. Viele müssen dabei mitmachen; die Eltern, die Lehrer, die Bildungspolitiker, die Universitäten usw. Kommt ein Kind nach Hause und hat ein Sehr gut und vier Nicht genügend, wird ihm gesagt: In dem einen Fach bist du eh schon gut, aber da, wo du die vier Nicht genügend hast, musst du jetzt am meisten tun. Das Ergebnis ist: Das Kind wird am Ende Durchschnitt sein - dort, wo es viel gelernt hat, aber auch dort, wo es davor sehr gut war, weil es das vernachlässigt hat.
Braucht es nicht eine gewisse allgemeine Grundbildung?
HENGSTSCHLÄGER: Sicher. Aber man sollte dem Kind raten: Verbring sehr viel Zeit mit deinen Stärken, weil dort könntest du vielleicht auch ein Einstein werden.
Wie findet man seine Talente?
HENGSTSCHLÄGER: Ich definiere einen neuen Elitebegriff, sage, Elite ist jeder. Es gibt so viele Eliten wie Individuen. Wir können Talent nicht messen, es ist immer nur das Produkt unseres Erfolgs. Man entdeckt es, indem man den ersten Tropfen des Erfolgs aufnimmt und schaut, ob da eine Voraussetzung besteht, dass da eine Art "Flow"-Zustand entsteht. Talente sind aber nicht wertbar. Wir wissen nicht, welche Fragen in der Zukunft auf uns zukommen.
Wie haben Sie selbst Ihre Talente gefunden?
HENGSTSCHLÄGER: Sie können von außen keine besondere Leistung erzwingen. Wenn jemand beim Ausüben dessen, was ihm Spaß macht, in einen Flow-Zustand kommt, ist es das Höchste, was wir erreichen können. So habe ich es gemacht - ich habe geschaut, was mir wirklich Spaß macht.
Features
Buchpräsentation
Markus Hengstschläger präsentiert am Dienstag, 31. Jänner, 19.30 Uhr, sein neuestes Buch "Die Durchschnittsfalle" in der Grazer Buchhandlung Moser. Moderiert wird der Abend von Thomas Götz (Chefredakteur-Stellvertreter der Kleinen Zeitung)
Zum Thema
Zur Person
Markus Hengstschläger (41) ist Universitätsprofessor für Genetik in Wien, Autor von zwei Nr. 1-Bestsellern ("Die Macht der Gene" und "Endlich unendlich"), ist vielfach ausgezeichneter Wissenschaftler und Moderator der Ö1-Sendung "Radiodoktor". Er ist verheiratet und hat zwei Kinder.
Sein neues Buch "Die Durchschnittsfalle. Gene - Talente - Chancen" ist 2012 im Ecowin Verlag erschienen und kostet 21,90 Euro.














