Karriere mit Vorzug
Emilia Andreeva-Moschen ist Vollbluttechnikerin. Graz wurde ihr Schicksal. Heute leitet sie den FH-Studiengang für Fahrzeugtechnik.

Foto © KanizajEmilia Andreeva-Moschen ist seit 2006 Studiengangsleiterin
Sie war Vorzugsschülerin, hatte nur Einser. In jeder Schulstufe. "Ich bin kein typischer Karrieremensch, der von Anfang an seinen beruflichen Weg plant", sagt Emilia Andreeva-Moschen. "Mein Ziel waren nicht die Einser, die haben sich ergeben. Ich will einfach jeden Tag das Beste geben. Das war schon immer so."
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Die Unizeitung war mein Ventil. Dort konnte ich mir Sachen leisten - das konnte sonst niemand.
Sie wuchs im kommunistischen Bulgarien auf, war sportlich, im Schulkomitee, lernte vier Sprachen und hatte "eine wunderschöne Kindheit". Die Technikerkarriere war vorgezeichnet - Mutter und Vater sind Diplomingenieure, einer der Großväter schrieb die ersten Lehrbücher über Dieselmotoren. Andreeva-Moschen studierte Elektrotechnik und technischen Journalismus, schrieb Satirebeiträge in der Unizeitschrift - "Mein Ventil, dort konnte ich mir Sachen leisten, die sich sonst keiner leisten durfte." An der Uni erfuhr sie auch, was Kommunismus bedeutet. Sie wurde unter Druck gesetzt, Meinungen und Sichtweisen zu ändern, parteikonform zu sein - und weigerte sich. Das hätte sie beinahe den Abschluss des Studiums gekostet. Dann kam die Wende. In dieser Zeit wurde sie Mutter. Eine Zeit der Entbehrung. "Es waren schlicht eineinhalb Jahre Hunger", erinnert sie sich. Während in Österreich gerade Discman, Social Beat, Windows 3.0 und Girlies auftauchten, stand Andreeva-Moschen in Sofia, 800 Kilometer Luftlinie entfernt, mit Lebensmittelmarken in der Hand, um Milch Schlange. Die Regale in den Geschäften waren leer, "an der Kassa gab es nur Seife und Schnaps". Im Winter keine Heizung, alle drei Stunden wurde der Strom abgeschaltet.
Babynahrung kochte die junge Mutter selbst. "Ich habe erkannt, dass es für mich, mit meinen Vorstellungen und als Spezialistin im Fachbereich, keine Zukunft in Bulgarien gibt. Eine dramatische Erkenntnis, weil ich eine so großartige Familie habe", sagt sie. Die ersten Bewerbungen schrieb sie mit der Hand, Computer gab es keinen. Sie bekam fünf Einladungen. Eine davon aus Österreich.
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Als Technikerin steht man im Rampenlicht. Man wird drei Mal öfter durchleuchtet als männliche Kollegen.
Im Mai 1990 flog sie nach Graz. "Es war ein richtiger Schock für mich, plötzlich Bananen in den Regalen zu sehen. Und die Dame an der Rezeption sagte ,Grüß Gott' - im ersten Moment wusste ich nicht, was ich ihr antworten sollte." Andreeva-Moschen wollte in Österreich bleiben. "Vor allem das Zwischenmenschliche ist mir so wichtig." Die ersten Jahre waren steinig, doch sie schaffte es. 1997 - mit 31 - bewarb sie sich für die Stelle einer Professorin am Studiengang für Fahrzeugtechnik an der FH Joanneum. Seit 2006 leitet sie ihn.
Wie gelingt es, Frauen für Technik zu begeistern, die nicht in einer Technikerfamilie aufwachsen?
ANDREEVA-MOSCHEN: Es gibt eine TU-Studie, die besagt, dass Mädchen bei der Entscheidung, Technik zu studieren, am meisten von ihren Vätern beeinflusst werden. Manche Mütter sind heute noch skeptisch. Ich denke, das liegt daran, dass sie sich denken, Mädchen könnten bei einer Technikerkarriere nicht auch noch für eine Familie da sein.
Ist das so?
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Ich definiere mich nicht über den Job. Wenn ich nicht mehr Studiengangsleiterin bin, werde ich noch immer ich sein.
ANDREEVA-MOSCHEN: Nein. Mit dem richtigen Partner an der Seite ist alles möglich. Dazu braucht man aber Selbstbewusstsein, das haben viele Mädchen nicht. Als Technikerin steht man natürlich im Rampenlicht. Im Vergleich zu den männlichen Kollegen wird man drei Mal durchleuchtet. Deshalb betreiben Frauen oft den doppelten Aufwand. Es bedarf einiger Jahre, um genug Selbstbewusstsein zu gewinnen und sich zu denken, Fehler müssen gleich bewertet werden wie jene, die männliche Kollegen machen. Man braucht Durchhaltevermögen. Manchmal entwickelt sich das auch noch.
Sind die männlichen Bewerber selbstsicher?
ANDREEVA-MOSCHEN: Viele bringen das Bewusstsein leider nicht mit, dass sie sich in einer Konkurrenzsituation befinden und dass diese Minuten vermutlich über ihren weiteren Karriereweg entscheiden. Sie haben nicht gelernt, wie man sich besser als die anderen präsentiert. Manche bezeichnen Mathematik als ihr Lieblingsfach, können aber keinen Doppelbruch auflösen.
Wie rüttelt man dieses Bewusstsein wach?
ANDREEVA-MOSCHEN: Junge Menschen haben kaum eine Chance, ein tief gehendes Interesse für naturwissenschaftliche Fächer zu entwickeln. Ich wünsche mir, dass das Bildungssystem endlich echte Qualitätsmaßstäbe setzt, die notwendigen Ressourcen für hohe Bildung sichert und durch gesellschaftliche Anerkennung das Image des Ingenieurberufs stärkt. Unsere jungen Menschen sind wach, sie warten darauf!
Features
ZUR PERSON
Emilia Andreeva-Moschen (46) wurde in Sofia geboren. Sie ist verheiratet, Mutter eines Sohnes und lebt heute in Graz. Seit 2006 ist sie Studiengangs- und Transferzentrumsleiterin Fahrzeugtechnik/Automotive Engineering an der FH Joanneum in Graz mit rund 90 Mitarbeitern.
15 Jahre Fahrzeugtechnik. Seit 1996 bildet der österreichweit einzigartige Studiengang Fahrzeugtechnik/Automotive Engineering Allrounder auf dem Gebiet des Automobilbaus aus, die auch in umwelttechnischen, wirtschaftlichen und rechtlichen Fragestellungen kompetent sind. Studiendauer: 6 Semester.















