"Grenzen für Arbeitskräfte nicht schließen"
Martha Schultz ist seit zwei Jahren Vizepräsidentin der Bundeswirtschaftskammer und Seilbahnbetreiberin in Tirol. Im Kleine Zeitungs-Interview spricht sie über Ganztagsschulen, Lehrlinge und Arbeiter aus dem Ausland.

Foto © EggenbergerUnternehmerin Schultz am Golfplatz Seltenheim: "Lehrlingsmangel ist ein unterschätztes Problem"
S ie sind eine von zwei Frauen im sechsköpfigen Präsidium der Bundeswirtschaftskammer. Sind Sie für die Frauenquote?
MARTHA SCHULTZ: Im Wirtschaftsbund machen wir bereits halbe- halbe. In der Wirtschaftskammer beträgt die Frauenquote etwa 30 Prozent, das entspricht in etwa dem Anteil der Unternehmerinnen. Wir wollen natürlich noch mehr Frauen motivieren, in der Interessenvertretung tätig zu sein.
Hätten Sie diesen Job auch machen können, als ihr Sohn noch klein war?
SCHULTZ: Sicher nicht, ich kenne den schwierigen Spagat zwischen Familie und Beruf sehr gut. Daher setzen wir uns als "Frauen in der Wirtschaft" so massiv für bessere und mehr Kinderbetreuungseinrichtungen ein. Es gibt eine Studie in Tirol, die mich erschüttert hat. Daraus geht hervor, dass viele Betriebsgründungen und -erweiterungen an mangelnder Kinderbetreuung scheitern. Für Drei- bis Sechsjährige haben wir einen Deckungsgrad von 90 Prozent. Darunter und darüber sieht es trist aus.
Dann müssten Sie eigentlich auch - im Gegensatz zu weiten Kreisen in der ÖVP - eine Verfechterin der Ganztagsschule sein, die viele Betreuungsprobleme lösen würde?
SCHULTZ: Ja, ich bin eine Verfechterin. Es gibt ja ausgezeichnete Beispiele im Ausland, wo Ganztagsschulen zum Alltag gehören und augenscheinlich gut funktionieren. Bei der PISA-Studie haben wir ja auch nicht die besten Ergebnisse.
Haben Sie nicht beim Bildungskonzept der ÖVP mitgearbeitet?
SCHULTZ: Beim Bildungskonzept ist vorrangig, dass es durchlässig ist, dass Kindern alle Möglichkeiten offenstehen. Zum Beispiel Lehre mit Matura. Viele Eltern und Schüler wissen gar nicht, dass man insgesamt 250 verschiedene Berufe erlernen kann, und nicht nur Friseurin oder Maurer lernen kann.
Wo wird die Wirtschaft in 20 Jahren überhaupt noch Lehrlinge herkriegen?
SCHULTZ: Das ist ein großes, noch unterschätztes Problem.
Und wo sind die Millionen Ausländer, die am 1. Mai vor den Grenzen Österreichs stehen hätten sollen, um sich auf unsere Arbeitsplätze zu stürzen?
SCHULTZ: Wir wollten schon ins Burgenland fahren, um Arbeitskräfte schauen zu gehen. Die Kammer hat immer schon gewusst, dass das nicht so sein wird. Wir hätten gut ein paar Tausend ausländische Arbeiter brauchen können, doch die sind ja alle schon in anderen Ländern untergeschlupft.
Ist die Grenzöffnung zu spät gekommen?
SCHULTZ: Man hätte die Grenzen für Arbeitskräfte gar nicht zumachen sollen.
Die ÖVP ist zu einer Beamtenpartei mutiert. Man hat den Eindruck, dass der Wirtschaftsbund, dem Sie angehören, immer weniger Einfluss hat. Fühlen Sie sich noch wohl in der Partei?
SCHULTZ: Ich fühle mich sehr wohl. Der Wirtschaftsbund wird sehr wohl gehört. Die einflussreichsten Ministerien, wie das Wirtschafts- und Finanzministerium, gehören uns. Vor allem freut es mich, dass die erste Frau das Finanzministerium führt. Frauen halten normalerweise das Geld zusammen.
Würden Sie eine Wirtschaftspartei wählen?
SCHULTZ: Eine eigene Wirtschaftspartei ist kein Thema.
Sie sind auch Seilbahnunternehmerin und führen in Kärnten den Mölltaler Gletscher. Wie haben Sie den schwierigen Winter überstanden?
SCHULTZ: Der letzte Winter war tatsächlich schwierig. Gott sei Dank kommen so späte Ostern nur alle 200 Jahre.
Kann man die schlechten Ergebnisse nur auf späte Ostern reduzieren?
SCHULTZ: Es gab bei uns weniger Schnee als in Deutschland, viele Deutsche sind zu Hause geblieben. Der Mölltaler Gletscher hat aber profitiert. Wir bauen heuer eine neue Sechsersesselbahn.
Fürchten Sie nicht, dass Ihnen die Schifahrer abhandenkommen, weil immer weniger Kinder Schifahren lernen?
SCHULTZ: Man hat den Eindruck, dass alle anderen Länder Schifahren trendig finden, nur nicht die Österreicher. Dass die Schulsportwochen nicht mehr verpflichtend sind, ist eine Katastrophe, auch für die bewegungsarmen Kinder.
Viele Familien können sich das Schifahren nicht mehr leisten.
SCHULTZ: Da gibt es sehr viele Möglichkeiten der Finanzierung. Mit 300 Euro müsste ein Schikurs machbar sein.
Gratis-Schifahren für Kinder wäre keine Option?
SCHULTZ: Bis sechs Jahre fahren sie ohnehin gratis. Ich bin dagegen, dass alles gratis sein muss.
Features
Zur Person
Martha Schultz ist seit zwei Jahren Vizepräsidentin der Bundeswirtschaftskammer und Vorsitzende der "Frau in der Wirtschaft" von Tirol.
Privat hat sie von ihrem Vater Heinrich Schultz ein Seilbahnimperium in Tirol geerbt, das sie mit ihrem Bruder gemeinsam führt. Dazu gehören sechs Schiregionen, darunter der Mölltaler Gletscher und der Ankogel in Kärnten.














