Stehen für die Karriere
Wie wäre es, wenn wir weniger Sitzen würden...? Ein Revolutionärer Vorschlag für Zeitgewinnung und Qualitätsanhebung. Teil 9 der Serie von Helmut A. Gansterer.

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Eines der Vorkapitel erinnerte an eine Mahnung von Aristoteles: "Denke im Gehen!" Ich eifere dem Meister nach und rufe: "Arbeite im Stehen, nicht im Sitzen!"
Barhocker statt Thonets
Tatsächlich habe ich schon vor Jahren eine - wie ich zugeben muss, geniale - Revolution ausgerufen. Allerdings ist damals niemand meiner Fahne gefolgt. Hier ein neuer Anlauf. Mein Vorschlag lautet: "Stellen wir alle Sessel, die wir lieben, unsere Rietvelds, Le Corbusiers, Sotsass und Thonets, in Museen und in Großmütterwohnungen. Alle anderen verbrennen wir. Wir ersetzen sie ausnahmslos durch Barhocker."
Der Barhocker wird arg unterschätzt. Er übertrifft jeden Sessel durch die Vielfalt seiner Offerte. Man kann neben ihm stehen. Man kann mit einer Gesäßbacke auf ihm lümmeln. Man kann sogar auf ihm sitzen. Und jene, die er abwirft, sind Opfer einer vernünftigen Darwin'schen Auslese.
Als wäre dies nicht schon genug, ist er ein unentbehrliches Werkzeug für jene, die höheren Erfolg suchen. Dies aus zwei Gründen. Man arbeitet mit seiner Hilfe schnelle, und man hat mit seiner Hilfe bessere Ideen.
Müden Organismus ankurbeln
Begründung: Im Sitzen wird der Organismus träge. In Sesseln lümmelnd oder gar in eine weiche Chaiselongue versunken, mag manchem was Schönes eingefallen sein, aber nie etwas Kluges. Der Barhocker hält den Kopf kühl und den Kreislauf frisch. Einzige Voraussetzung: Man muss ein Bein aufstützen, auf die Fußstange der Theke oder des Barhockers selbst, um in der Art einer Wärmepumpe das Blut in flinker Bewegung zu halten (das Wort "Bar" kommt von ebendieser Stange, aus dem Englischen, dies aber nur nebenbei, als Beitrag zu "Sinnloses Wissen aus aller Welt").
Es gilt als gesichert, dass dem stehenden Menschen mehr und Besseres einfällt als dem sitzenden. Andernfalls wäre es evolutionär sinnlos gewesen, dass wir uns im afrikanischen Graben vom Affen zum Homo erectus erhoben. Auch sprechen alle Erfahrungen dafür. Goethe entdeckte den Zusammenhang von weitem Ausblick und großen Gedanken. Er hatte Sessel & Tisch und Barhocker & Stehpult probiert - kein Vergleich. Ein sehr schönes, vom Schweizer Fernsehen in den Bildungssender 3sat übernommenes TV-Format heißt "Berg und Geist". Von Tal und Geist wissen wir nichts.
"Steh-Konferenzen"
Falls Sie kein Einzelkämpfer sind, sondern für Ihren Erfolg Mitarbeiter brauchen, kommen Sie um Konferenzen nicht herum. Hier vervielfältigen sich die Vorzüge der Arbeit im Stehen, sofern Sie tapfer genug sind, Ihrem Team sogenannte "Steh-Konferenzen", zu verordnen. Das Wirtschaftsmagazin trend machte in den 1980er-Jahren auf mein Geheiß diesbezügliche Experimente. Sie verliefen glänzend. Sie waren viermal so effektiv wie Sitz-Konferenzen. Sie dauerten nur halb so lang wie diese und brachten zweimal so viele Ideen.
Warum diese sensationelle Innovation wieder versank, weiß ich zwar, sage ich aber nicht. Ich will meinen unverdienten Ruf als Macho nicht auffrischen. Die zwei "Macho-Zitronen", die mir die Kolleginnen der Tageszeitung Der Standard verliehen haben (durchwegs Justizirrtümer), genügen. Also, es war so, dass die trend-Weiber, die mir ihre damals einzigartige 50-Prozent-Quote verdankten, dagegen revoltierten und am Ende stärker waren. Ihr Hintern verlangte Weiches, derweil ihre männlichen Kollegen ihr Steh-Training an Wasserlöchern ausspielen konnten. Auch beklagten die Damen die straffe Sprechweise der Stehenden. Es widersprach ihrer Lust, auf behagliche Weise vom Hundertsten ins Tausendste zu kommen.
Ich bewunderte damals Manfred Bene, Eigentümer des gleichnamigen Konzerns, als innovativen Fabrikanten moderner Büromöbel. Auf der Suche nach dem idealen Stehmöbel stieß ich auf sein "T-Lift Desk". Ein glänzender Entwurf, der die Arbeitsfläche von Sitzhöhe auf Stehhöhe liften konnte, elektromotorisch und genau so schnell, wie mein damaliges Porsche-911-Carrera-Cabrio von 0 auf 100 km/h brauchte: 5 Sekunden. Da Manfred und ich einander als Freunde aus den Augen verloren, weiß ich nicht mehr, ob es dieses Geniestück noch zu kaufen gibt. Wenn ja: highly recommended.
Ich predige nicht Wasser und trinke Wein. Im Hause habe ich drei Stehpulte. Das schlankste ist von Bene, das üppigste ein Einzelstück des Künstlers Heidulf Gerngross. Die Stehpulte sind in drei Himmelsrichtungen gestellt, um die Sonne suchen oder fliehen zu können. Leider fin?den sich daheim auch noch Sessel und Couches, für die Dame des Hauses und die verweichlichte Brut.
Fazit
Wenn Sie im Stehen arbeiten, helfen Sie gleichzeitig dem Kreislauf und der Karriere auf die Sprünge.















