Mexiko: Zuckersüße Schädel kündigen Halloween an
Heitere Gerippe und aufblasbare Skelettpuppen prägen das Bild der Supermärkte im Oktober.
In Mexiko hat der Tod auch seine süße Seite:
Jedes Jahr zu Beginn der kalten Jahreszeit füllen sich die Regale in
Supermärkten und Konditoreien mit Totenköpfen aus Schokolade und
Zuckerguss. In Schaufenstern stehen witzige Skelettfiguren aus Holz
oder Pappe in allerlei Verkleidungen, und fliegende Händler bieten
Autofahrern sogar lebensgroße aufblasbare Skelettpuppen an.
Mit den süßen Totenköpfen und den heiteren Gerippen stimmen sich
die Mexikaner auf den Tag der Toten ein, der jedes Jahr am 2.
November gefeiert wird. Am Allerseelentag zieht es die Familien auf
die Friedhöfe, wo sie oft viele Stunden bei ihren verstorbenen
Angehörigen verbringen. Die Gräber werden herausgeputzt und mit den
für die Jahreszeit typischen ockergelben Cempoalxochitl-Blumen
dekoriert. Die Friedhofsgänger bringen auch Speis und Trank ans Grab
- Tortillas, Fleisch und Tequila für die Lebenden wie für die Toten.
Deutungen. Der eigenartige mexikanische Totenkult hat immer wieder in- und
ausländische Denker zu Deutungsversuchen angeregt. Der deutsche
Kunstkritiker Paul Westheim verwies schon vor Jahrzehnten in seiner
Studie "Der Tod in Mexiko" darauf, dass die vorspanischen Kulturen
eine völlig andere Auffassung vom Tod hatten als die abendländische
Christenheit: Er wurde nicht als ein Ende betrachtet, vielmehr war
das Leben selbst nur ein Übergangsstadium zwischen verschiedenen
Daseinsformen. Andere Interpreten gehen davon aus, dass der Tod sehr
wohl gefürchtet werde und die bunten Totenschädel nur der Versuch
seien, ihm den Schrecken zu nehmen, indem man ihn lächerlich mache.
Zum Totenkult gehören bis heute auch die "Ofrendas", wundervoll
dekorierte Altäre, die in den Wochen vor dem 2. November zu Ehren der
Verstorbenen errichtet werden. Es wird auch ein spezielles Totenbrot
gebacken. Trotz der Traditionsliebe ist den "Calaveras", wie die
Totenköpfe in Mexiko genannt werden, aber eine gefährliche Konkurrenz
erwachsen, die aus dem nördlichen Nachbarland USA nach Mexiko
eingedrungen ist: der Halloween.
"Calaveras". Denn Jahr für Jahr schrumpfen in den Supermärkten die für die
"Calaveras" vorgesehenen Regalmeter, während gleich am Eingang
Plastikkürbisse, Monstermasken und Gespensterkleider als Blickfang
aufgebaut werden. Die Importware scheint vor allem auf Kinder eine
magische Anziehungskraft ausüben und ihr Verkauf sich daher für die
großen Ketten mehr zu rechnen als das traditionelle Kulturgut.
Den grassierenden Halloween-Feiern am 31. Oktober zum Trotz wird
aber auch der Tag der Toten vielerorts in Mexiko noch als Volksfest
gefeiert. In Huaquechula, einem Dorf unweit der zweitausendjährigen
Stadt Cholula im zentralen Bundesstaat Puebla, pflegen die Einwohner
Passanten zum Totenschmaus in ihre Häuser einzuladen. Besonders
pittoresk, und längst eine Touristenattraktion, sind die Feiern in
Patzcuaro im westlichen Staat Michoacan. Und das verschlafene Dorf
Mixquic am Südostrand von Mexiko-Stadt erwacht mit Straßenrestaurants
und Jahrmarkt nur am Tag der Toten zu wirklichem Leben.









