Zwischen Offenheit und Rückendeckung
Glasklar und dabei immer für eine Überraschung gut: Eine Entdeckungsreise durch ein neues Wohnhaus am Stadtrand von Wien. Daniela Bachal war mit dabei.

Foto © Kunztfoto
Der Anfang war eine reine Geschmacksfrage. Der architekturgeschichtlich interessierten Bauherrenfamilie schwebte ein Haus im Stil der klassischen Moderne vor, wie sie etwa Ludwig Mies van der Rohe geprägt hat. "Der Stil der 1920er- und 1930er-Jahre, aber perfekt realisiert mit den technischen Möglichkeiten der Gegenwart", erklärt der Bauherr seinen Wunsch und war damit von Anfang an auf einer Wellenlänge mit dem Architeken Zoran Bodrozic.
Von der Schwäche zur Stärke
Die Zusammenarbeit der beiden begann schon vor dem Grundstückskauf. Das gar nicht unproblematische Anwesen am Rande des Wienerwaldes in leichter Nordwest-Hanglage hatte eigentlich eine "Unform", beschreibt der Architekt seine ersten Eindrücke von dem sternförmigen Baugrund am Ende eines Ackers, die Bebauungsbestimmungen erschwerten die Planung zusätzlich.
Dennoch: Bodrozic gab sein Okay zum Grundstückskauf und machte aus der vermeintlichen Schwäche des Projekts seine Stärke: Die Basis der u-förmigen Verbauung verschwindet zum Teil ganz in der Erde, an der Straßenseite (im Süden) ist nur eine Cortenfassade zu sehen. Nach Norden hin, wo keine neugierigen Blicke zu befürchten sind, ist die Etage hingegen vollflächig verglast. Ein Atrium sorgt als überdachter Zugang dafür, dass der Wohnbereich möglichst weit von der Straße abrückt und dabei auch noch Südsonne ins Untergeschoß kommt. Sozusagen ein Stockwerk über der Straße und damit völlig uneinsehbar wurde der zentrale Wohnbereich als rundum verglaste Bühne des alltäglichen Lebens verwirklicht. Ein Schwimmteich, um den sich Terrassen gliedern, macht den Wohntraum perfekt. Zumal auch noch eine Wendeltreppe als Verbindung zwischen Atrium und Terrasse durch die Wasserebene führt.
Fliegende Skulptur
Gekrönt wird das Ganze durch einen relativ geschlossenen weißen Gebäudeteil, den Bodrozic den beiden gläsernen Etagen aufgesetzt hat: Eine Art fliegende Skulptur, die teilweise bis zu vier Meter auskragt, beherbergt die Schlaf- und Arbeitsräume der Bewohner. Nach Westen und Süden hin macht das Haus auch auf dieser Etage große Augen.
"Die Bewegung durch das Gebäude ist spannend", sind sich Bewohner und Architekt einig, "weil das Haus auf jeder Etage ein völlig anderes ist." Wohnen, Arbeiten und Erholung im eigenen Haus - hier gelingt alles unter einem Dach, dank einer guten Balance zwischen Offenheit und Rückendeckung. "Das ganze Haus macht uns viel Freude", sagen die Bewohner.
Sichtbeton
Im Innenbereich dominiert Sichtbeton (für tragende Teile) in Abwechslung mit Grün- und Cognac-Tönen. Die großformatigen Bodenfliesen in den Untergeschoßen passen sich der Ästhetik des Sichtbetons an. Stiege und Bäder sind mit den gleichen Fliesen belegt.
Die Schlafzimmer im Obergeschoß sind mit Eichendielen etwas weicher gestaltet. Stahl ist in diesem Haus eine eigene Geschichte und hat viel mit Kunst zu tun: Die rostrote Cortenfassade, Stiegengeländer, einige Möbel und diverse Skulpturen wurden vom ungarischen Künstler Szalei Zsolt gestaltet, mit dem der Architekt schon mehrere Projekte verwirklicht hat.
Die Pläne:
Features
Fotoserie
Was & Wer
Das Projekt: Ein rund 400 Quadratmeter großes Gebäude mit eigenem Praxis- bzw. Arbeitsbereich. Niedrigenergiehaus mit Wärmepumpe, mechanische Be- und Entlüftung.
Bauzeit: Ein Jahr, Fertigstellung: Mai 2012
Verglasung: Mit Skyframe-Elementen von der Firma Kern-Metalltechnik
www.metall-kern.at
Architekt: Zoran Bodrozic, Chwallgasse 2/2, 1060 Wien, Tel.: (o1) 236 83 32
www.azb.co.at























