Shabby Chic: Wohnen in Weiß
Henrik Ibsen hätte sicher seine helle Freude an dem schwedischen Puppenhaus-Ambiente, das Lisa Jagenteufel in ihrem Erbhaus schuf. Patiniert und möglichst hell: Wie aus einem Abrisshaus ein Modell für einen neuen Wohntrend wurde.

Foto © Helmut WeichselbraunLisa Jagenteufel lebt und liebt den White Shabby Chic. Nur Laptop gibt's noch nicht in Antik-Optik
Am Anfang war das Haus. 1907 erbaut nahe der Sattnitz in Klagenfurt, zweigeschossig, mit Keller. Wohlfeile 120 Quadratmeter Wohnfläche gab es. Die Flussnähe hatte den Nachteil, dass der Keller immer wieder mal unter Wasser stand. Das Haus war feucht, von jeher. Später, nachdem jahrelang niemand mehr drin gewohnt hatte, kam das Wasser auch von oben. Durch ein Loch im Dach. So viel zur Vorgeschichte.
100 Jahre später konnte kein Handwerker ernsthaft empfehlen, es zu renovieren. "Abreißen, neu bauen" hieß der gute Rat der Fachleute. Doch das Haus schien geduldig gewartet zu haben. Auf Lisa Jagenteufel, 30 Jahre alte Klagenfurterin und Innenarchitektin mit einem besonderen Talent, alten Dingen ihre Würde zu lassen. Nach ein paar Jahren in New York wollte sie in ihrer Heimat wieder Fuß fassen. Das Erbhaus ihrer Taufpatin schien dafür wie geschaffen.
Wohnen in Weiß
Seit der Renovierung ist die "Villa Lotta", wie Jagenteufel ihr Heim liebevoll taufte, ein sprichwörtlicher Traum -und schwer zu beschreiben. Die Assoziationen reichen von Puppenhaus über Astrid-Lindgren-Filme bis zu fotogestylten Ensembles aus Wohn-Magazinen. Kurzgefasst: viel Weiß, viel Stoff, viel Dekoration und ein geschmackvoller Mix aus alten, massiven, hell gestrichenen Gebrauchtmöbeln und neuem, ebenfalls hellen Interieur. Wobei: Auch das Neue - etwa eine Kommode und ein Sofa von Ikea - ist durch und durch retro. Das ist gewollt. Und hat einen Namen: "Den Einrichtungsstil nennt man Shabby Chic", erklärt Jagenteufel, "es geht darum, alte Möbel nicht komplett neu herzurichten, sondern ihnen den gebrauchten Charakter zu lassen. Was neu dazukommt, ist der Anstrich. Und der soll hell sein, weiß oder in Pastelltönen." Das Weiß ist dem skandinavischen Landhausstil entlehnt und für Jagenteufel mehr als nur eine Farbe: "Weiß gibt Klarheit und Ordnung. In meiner Wohnung ist es so schön hell, dass es sich fast durchsichtig anfühlt. Das ergibt ein Gefühl von Grenzenlosigkeit."
Millimeterarbeit
Auch die Dekoration in Jagenteufels Wohnung ist sehenswert. Zwei Keramikgänse bewachen die frei stehende Badewanne, die Fotos sind in schwere Holz- oder antike Metallrahmen gefasst, patinierte Kaffeekannen, alte Küchenwaagen und massenhaft weiße Kerzen, oft in antiken Kerzenständern. Die 60 Quadratmeter Wohnung unterm Dach ist völlig offen gestaltet, kommt ohne Zwischenwände aus, nur in der Mitte finden sich ein Stiegenaufgang und ein abgeschlossener kleiner WC-Raum. Zwischen dem Küchen- und dem Schlafbereich gibt's eine Flucht ins Freie: eine Dachterrasse, die von einer weißen Holz-Balustrade nach dem Vorbild eines Astrid-Lindgren-Films umrahmt wird. Schlicht: entzückend!
Nichts wird dem Zufall überlassen. "Bei jedem neuen Stück dauert es Stunden, bis es am richtigen Platz steht. Da geht's um Millimeter", lacht Jagenteufel. Penibel ist sie auch in der Gestaltung ihrer Wohnboutique im Erdgeschoss. Sie verkauft darin jenen Wohnstil, den sie selbst lebt und liebt.
Als wir gehen, steht Lisa Jagenteufel in der Tür und nickt uns zum Abschied noch einmal zu. Über dem Türrahmen steht in alten Lettern: Luce Amoreque, lateinisch für "mit Licht und Liebe". Besser lässt sich dieses Wohngefühl nicht zusammenfassen.
Features
Fotoserie
Villa Lotta
In ihrer Wohnboutique im Erdgeschoss der "Villa Lotta" in Klagenfurt hat sich Lisa Jagenteufel auf den skandinavischen Landhausstil und den "Shabby Chic" spezialisiert. Möbel und Deko.


















