Ein Haus tanzt aus der Reihe
Moderne Architektur auf einem extrem schmalen, langen Grundstück in Hanglage. Die Architektin Marion Wicher zeigt mit ihrem Projekt in Klosterneuburg, wie familien- freundlich und gemütlich ein "Spaghettihaus" sein kann.

Foto © Croce & WirDie Architektin Marion Wicher hat für eine niederösterreichische Familie ein wohnliches Schiff geplant
Eines dieser typischen Handtuchgrundstücke in Klosterneuburg: ziemlich schmal zur Straße hin - und lang gestreckt den Hang hinauf. Eine Wohngegend, in der die Häuser artig auf dem Boden bleiben. Und mitten drin in dieser Ordnung ein Bauherr, der aus der Reihe tanzt, der etwas Schräges will, eines dieser Häuer, die abheben, Preise gewinnen und in Architekturzeitschriften landen. "Über eine dieser Publikationen sind wir auf die Architektin Marion Wicher aufmerksam geworden", erzählt der Bauherr. Weil nur der Vergleich sicher macht, sind er und seine Frau auch bei anderen Architekten vorstellig geworden - "aber nirgendwo hat das Bauchgefühl so gestimmt wie bei Marion Wicher."
Ihr Auftrag: Ein Haus zu bauen, dessen Hülle für den berühmten Wow-Effekt sorgt, das innen aber einfach gemütlich ist: ein warmes Nest für eine Familie mit zwei Kindern. "Wir wollten ins Grüne, hier aber komfortabel wie in einer Wohnung wohnen, also alles auf einer Ebene haben", sagt die Hausherrin. Punkt zwei: Der Hausherr wollte nicht, dass die Garage das ganze Grundstück dominiert. "Er wollte kein Haus für einen Wagen bauen", erklärt Wicher. Und das, obwohl zwei Autos zum Haushalt gehören.
Rückbezüglichkeit
Das Grundstück ließ nur einen lang gestreckten Baukörper zu. "Die Frage war, wie organisiert man so ein Spaghettihaus am besten?", sagt Wicher. Vorder- und Rückseite sollten nicht getrennt voneinander dastehen, sondern miteinander kommunizieren - möglichst ohne tote Winkel. Die Lösung war ein leicht gebrochener Baukörper. Ein Vorsprung im Koch- und Essbereich sorgt dafür, dass man auch von der Küche, die gartenseitig liegt, direkt zur Einfahrt sehen kann. Davor liegen die Kinderzimmer, und zur Straße hin, im auskragenden Teil des Haues, wurde das Elternschlafzimmer untergebracht. Der "schwebende" Bauteil löst auch das Garagenproblem. Das Haus ist gleichzeitig Dach für die Autos.
Das Wohnen findet in diesem Haus zur Gänze auf der rund 170 Quadratmeter großen Gartenebene statt - vom Wohnzimmer aus kann man sozusagen direkt in den Pool köpfeln. "Weil der Hang nach hinten ja ansteigt, wurde der Garten terrassiert", sagt Wicher. Im Untergeschoss ist ausreichend Platz für die Ordinationsräume der Hausherrin und eine separate Wohneinheit für das Au-pair-Mädchen. Der Rest der 130 Quadratmeter-Etage ist Keller bzw. Lagerraum.
Im Blickpunkt
Eine möglichst dunkle Fassade war der Bauherrenwunsch. "Auf keinen Fall Weiß wie bei allen anderen Gebäuden", sagt die Hausherrin. Für die Stahloptik einer Blechpaneelfassade konnte sich das Ehepaar rasch begeistern. "Das dunkle Grau passt perfekt dazu - insgesamt fügen sich die Farben harmonisch in die Umgebung ein", sagen die Bewohner. Dass der Bau mit seinen "Bullaugen" an ein Schiff erinnert, ist dem Hausherrn recht: Er ist leidenschaftlicher Segler.
Aber klassische Fenster sucht man bei Wicher ohnehin vergeblich. Im Regelfall gibt es geschlossene oder offene (verglaste) Flächen. Das Bullauge ist Wichers Art, punktuell Aussicht zu schaffen und Einblicke zu gewähren.
"Unser Schiff", sagen die Bewohner liebevoll zu ihrem Haus. Der perfekte Platz, um mit zwei Kindern vor Anker zu gehen.
Features
Impressionen
Was & Wer
Das Projekt: Stahlbetonbau mit Ziegel-Innenwänden, ausgeführt als Niedrigenergiehaus mit kontrollierter Wohnraumlüftung, Gasheizung und Kachelofen. Bauzeit ein Jahr, Fertigstellung April 2008.
Größe: 300 Quadratmeter auf zwei Etagen.
Kosten. Schlüsselfertig rund 2000 Euro/m2 (Bauherrenangabe).
Planung: yes architecture, Marion Wicher, Griesgasse 10, 8020 Graz, Tel. (0 31 6) 764 891


















