Zu Besuch bei den Klassikern
Nirgendwo sonst auf der Welt gibt es so viele Privatgärten in derart einzigartiger Vielfalt wie in Großbritannien und Irland. Abertausende Besucher reisen jedes Jahr zu Great Dixter, Sissinghurst Castle & Co.

Foto © WallnerBlick auf die Eibenfiguren von Great Dixter
Gartenbuchautor Patrick Taylor meint gar, dass es die Briten in der Gartenkunst zu größerer Meisterschaft gebracht haben als in der Malerei und Bildhauerei. Alljährlich ziehen diese Gärten Tausende und Abertausende Besucher an.
Zu den Klassikern darunter zählt Great Dixter von Sir Christopher Lloyd. Dessen Ruf war legendär, er zählte zu den bekanntesten englischen Garten- und Pflanzenspezialisten unserer Zeit. In seinem prächtigen Garten in East Sussex experimentierte er viele Jahrzehnte mit unterschiedlichen Gartentypen und inspirierte damit Generationen von Gartenliebhabern rund um den Erdball.
Was für ein Empfang! Rechts und links des Weges ragen aus der ungezähmt wachsenden Wiese exotisch anmutende Prärielilien mit ihren spitzen Dolden aus sternförmigen, blauen Blüten auf. Vor dem Eingangstor zum Haus, einer massiven Konstruktion aus Backstein und Fachwerk, wippen die schwarz gefleckten Ladybird Poppies ein zartes Willkommen.
Üppige Wildnis
Man meint, noch den Trompetenstoß zu vernehmen, mit dem der Gartenliebhaber allmorgendlich seinen Chefgärtner Fergus Garret zur Besprechung rief. Mit ihm gemeinsam entwickelte er kontinuierlich seinen Garten weiter - zu einer üppigen, wohldurchdachten Wildnis. Sir Christopher Lloyd machte Mut "Farbe zu bekennen", die aufwendige, lange Rabatte - 4,5 Meter tief und 60 Meter (!) lang - ist in ihrer bunten Mischung und Fülle vom Frühjahr bis zum Herbst längst zur Pilgerstätte geworden. Als der Garten-Doyen vor einigen Jahren starb, übernahm sein Obergärtner mit einer Stiftung.
Zu den wohl weltweit bekanntesten Gärten zählt Sissinghurst Castle. Der historische Landsitz liegt in der Grafschaft Kent, dem Land der tausend Gärten. Vita Sackville-West und ihr Ehemann Herold Nicholson haben dieses bemerkenswerte Gartendenkmal geschaffen, das Ziel aller Gartenliebhaber, die hier lernen, wie man Gärten in Räume gliedert.
Riesig
Die Schriftstellerin und Gartengestalterin hat in perfektem Design die riesige Anlage zwischen den Mauern eines verfallenen Schlosses errichtet. Vita Sackville-West war eine schillernde Persönlichkeit, die durch ihre Beziehung zur zehn Jahre älteren Schriftstellerin Virginia Woolf Aufsehen erregte.
Der berühmte Garten auf dem rund fünf Hektar großen Gelände besticht durch Aufteilung, Blickachsen und die besondere Farbgebung. Der Cottage-Garten vor dem einstigen Schlafzimmer von Nicholson und Sackville-West leuchtet mit aristokratischer Grandezza in Rot-, Orange- und Gelbtönen. Von hier führt ein Weg zum Wassergraben, begrenzt von einer Ziegelmauer, die von einer üppigen, weißen Glyzinie beherrscht wird.
Vom Doppelturm aus, in dessen obere Etage sich Sackville-West zum Arbeiten und Lesen zurückzuziehen pflegte, bot sich ihr ein einzigartiger Panoramablick, vom Rosengarten bis zum Kräuter-Dorado im südöstlichen Zipfel der Anlage. Hier soll sich das vollständigste Herbarium von England befinden. Die einstige Besitzerin vermochte jedes Kraut mit geschlossenen Augen zu bestimmen.
Kulturgut
Als besonderer Anziehungspunkt gilt der Weiße Garten mit seinem von einer weißen Kletterrose überrankten Pavillon. Die Pflanzen hier blühen in allen Schattierungen von Weiß, viele besitzen auch passendes graues oder silberfarbenes Laub. Mehr als 160.000 Besucher zählt die Anlage, die nun vom National Trust verwaltet wird. Ein Verein, den es mehr als 100 Jahre gibt und der sich um die Erhaltung und Pflege der britischen Kulturgüter kümmert. Und da ist viel zu tun.
Mag die überwiegende Mehrheit der Gartenbesucher auch in die grünen Paradiese nach Süd- und Mittelengland strömen, dürfen Schottland und Irland mit der stattlichen Anzahl prachtvoller Gärten nicht vergessen werden. Sei es das Castle of Mey an der wilden nordschottischen Küste, sei es das großartige Relikt Kinross House aus dem 17. Jahrhundert oder der Pineapple - Garten wie Gebäude ein Superlativ. In Irland lockt Annes Grove, das Aushängeschild für naturnahe Gärten ebenso wie Killruddery, der größte erhaltene formale Garten aus dem frühen 18. Jahrhundert, oder die verschwenderische Inszenierung in Rowallane Garden.
Features
Fotoserie
Kinross House
Das großartige Relikt aus dem späten 17. Jahrhundert, geschaffen von Sir William Bruce, gilt als eine der schönsten Anlagen in ganz Schottland. Adresse: im Stadtzentrum von Kinross, April bis September täglich geöffnet.
Buch-Tipp
Killruddery
Der größte in Irland erhaltene formale Garten aus dem frühen 18. Jahrhundert mit zwei Kanälen liegt 20 Kilometer südöstlich von Dublin, im April am Wochenende, Mai bis September täglich geöffnet, 17 Hektar groß.
Fotoserie
Annes Grove
Einer der schönsten naturnahen Gärten in Irland mit einem sehenswerten Blumengarten und Saumpfaden zum Fluss hat sich einen stillen Zauber bewahrt.
Adresse: Castletownroche, offen März bis September.















